Bundestrainer Julian Nagelsmann (li.) und TV-Experte Jürgen Klopp. © Hassenstein/AFP
Boston – Jürgen Klopp zieht die Aufmerksamkeit magisch an: Durch seine offene und charismatische Art hat er als Trainer von Dortmund und Liverpool die Herzen der (fußballinteressierten) Menschen im Sturm erobert. „Kloppo“ merkt sich Namen und Gesichter wie nur wenige in der häufig sehr oberflächlichen Fußball-Branche. Selbst wenn der 59-Jährige jemanden nur einmal in seinem Leben gesehen hat, gibt er ihm bei einem Wiedersehen das Gefühl: Wir kennen uns doch schon ewig.
Klopp wird vom Großteil der deutschen Fußballfans geliebt, auch wenn ihn seine ersten Auftritte als Experte von MagentaTV ein paar Sympathiepunkte gekostet haben. Die viel diskutierte „Noch“-Aussage haben ihm die meisten nach seiner Entschuldigung im Live-Fernsehen schon wieder verziehen. Bei Bundestrainer Julian Nagelsmann wird man das Gefühl hingegen nicht los, dass die Fußball-Republik Deutschland nach wie vor mit ihm fremdelt. Seine Aussagen werden von der Öffentlichkeit wiederholt hinterfragt: Mal werden Äußerungen des 38-Jährigen als zu forsch interpretiert, ein anderes Mal wird ihm Schmallippigkeit vorgeworfen – oder Nagelsmann ist einfach beleidigt.
Als Nagelsmann am Sonntag in Boston darauf angesprochen wurde, was dieser permanente Druck von außen mit ihm mache, antwortete er: „Da ist es wie bei jedem Menschen. Die Frage können Sie sich also selbst beantworten.“ Er hätte aber nicht das Gefühl, dass er eine Beweispflicht gegenüber Menschen außerhalb der Nationalmannschaft erfüllen müsse.
Dass der zweifache Familienvater in seiner Kommunikation nur schwer zu bremsen ist, hat man freilich auch beim DFB erkannt. Hier kommt Rudi Völler ins Spiel, den Nagelsmann selbst bereits als „Vaterfigur“ bezeichnet hat. Mit seiner Erfahrung und seiner Souveränität holt der Sportdirektor immer mal wieder die Kohlen aus dem Feuer, wenn sich sein Trainer öffentlich um Kopf und Kragen redet. So wie nach der 1:2-Pleite gegen Ecuador, als Kapitän Joshua Kimmich bemängelte, dass der Gegner den Sieg an diesem Tag mehr gewollt hätte. „Bitte hört auf mit dem Quatsch, ehrlich. Warum wollten die Jungs nicht Vollgas geben?“, schoss es aus Nagelsmann im Live-Interview mit Magenta-Moderator Johannes B. Kerner heraus.
Als Hansi Flick im September 2023 als Bundestrainer zurücktrat, war mit Julian Nagelsmann schnell eine Königslösung gefunden – auch weil Klopp noch beim FC Liverpool unter Vertrag war und den DFB abblitzen ließ. Doch mittlerweile ist Kloppo nicht mehr bei den Reds unter Vertrag und schwebt seit jeher wie ein Schatten-Bundestrainer über Nagelsmann.M. BONKE, V. TSCHIRPKE