KOMMENTAR

Deutscher Fußball? Es braucht Ehrlichkeit

von Redaktion

Erkenntnisse der WM

Vieles wird passieren beim DFB in den kommenden Tagen, für manchen am WM-Scheitern Beteiligten wird es also ein weiteres K.o.-Spiel geben. Nur eben nicht in Philadelphia, Boston oder Dallas, sondern in Frankfurt am DFB-Campus. Personelle Konsequenzen werden unumgänglich und in jedem Fall richtig sein, doch sie verändern die grundsätzliche Problematik nicht. Um aber so etwas wie eine Wende hinzubekommen, ist erst einmal eine ehrliche Bestandsaufnahme erforderlich.

Wie vor diesem Turnier über die Aussichten der deutschen Nationalmannschaft gesprochen wurde, lässt den Schluss zu: Bisher wurden die Augen fest verschlossen vor der Realität – zumindest wenn man die offiziellen Verlautbarungen der sogenannten Experten zum Maßstab nimmt. Schönrednerei auf gefühlt allen Kanälen, Buddy-Talk von Schwadroneuren wie Christoph Kramer, der keinem wehtun will und sich in Substanzlosigkeit verliert, Halbfinal-Gebrabbel von Jürgen Klopp, dem Schatten-Bundestrainer – auch der Aufmarsch an Sachverständigen ist ein Symptom der Krise des deutschen Fußballs. Er hält sich für zu wichtig und zu gut.

Die Fakten sind: Kein deutscher Spieler ist Weltklasse. Zwei von ihnen, Florian Wirtz und Jamal Musiala, haben das Potenzial dafür – aber etwa im Kader von Frankreich oder Spanien würden sie gar nicht groß auffallen. Man muss für den Vergleich mit den großen Nationen vor allem eine Zahl wirken lassen: 99 Spieler, die zu dieser WM angetreten sind, wurden in Frankreich geboren und ausgebildet – den Rückstand auf das dortige Sichtungs- und Fördersystem wird Deutschland in den nächsten zehn, zwanzig Jahren nicht aufholen können.

Die Bundesliga ist auch ziemlich kaputt. Ihr Geldverteilungssystem hat den Wettbewerb an der Spitze zum Erliegen gebracht. Darunter leiden auch die, die eigentlich nur noch am Feiern sind: die Bayern. Gefordert werden sie ausschließlich in der Champions League; dass sie sich dafür ein Team mit internationalen Superstars bauen, ist legitim. Aber daraus ergibt sich eine weitere Wahrheit, die für den deutschen Fußball ernüchternd ist: Die Klasse des FC Bayern machen halt nicht DFB-Kapitän Kimmich, Goretzka, Tah und Pavlovic aus, sondern der Engländer Kane, der Franzose Olise und der Kolumbianer Diaz. Joshua Kimmich mag eine Bundesliga-Größe sein, als Nationalspieler erlebte er genau ein K.o.-Spiel bei einer WM.

Der Fußball in Deutschland hat seine guten Seiten: schöne Stadien, Eintrittspreise, die man sich leisten kann, wirtschaftliche Solidität ohne Investorenwahn – aber sportlich ist er von Weltklasse weit entfernt.

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