„Man wird den Berg hochgeschrien“

von Redaktion

Georg Steinhauser über die Tour-Premiere, Duelle mit Pogacar und Onkel Ullrich

Stark in den Bergen: Dort wird Steinhauser auch bei der Tour seine Chancen suchen. © Mill/Imago

Die Tour startet dieses Jahr in Barcelona. Highlights werden die zwei Etappen rund um Alpe d´Huez. © Grafik: DPA

Bei Paris-Nizza landete Georg Steinhauser (24) auf einem hervorragenden dritten Platz. Nun steht die Premiere bei der Tour de France (ab 4. Juli) an. Mit unserer Zeitung spricht Steinhauser – sein Papa Tobias war auch Profi und seine Tante Sara war zehn Jahre mit Jan Ullrich verheiratet – über einen besonderen Erfolg, eine bittere Diagnose und Duelle mit Tadej Pogacar.

Herr Steinhauser, in einer ARD-Doku haben Sie erzählt, dass man immer gleich auf die Tour angesprochen wird, sobald man erzählt, dass man Radfahrer ist. Jetzt stehen Sie selbst vor Ihrer ersten Teilnahme.

Ich freue mich riesig. Das wird ein Moment, den ich in meiner Karriere nicht mehr vergessen werde. Ich verspüre aber keine Nervosität. Das habe ich mir über die Jahre angeeignet.

Bei Paris-Nizza haben Sie Ihre Wettkampfhärte mit dem dritten Platz in der Gesamtwertung mehr als bewiesen.

Das war sehr gut für mein Selbstvertrauen. Erst recht nach dem vergangenen Jahr, in dem es nicht so lief. Da kommt man schon ins Grübeln.

2025 hatten Sie einen Einbruch, am Ende stand die Diagnose Borreliose. Wie haben Sie‘s gemerkt?

Ich war im Höhentrainingslager und habe mich auf die Vuelta vorbereitet. Schon bevor ich in der Höhe war, habe ich relativ viel Gewicht verloren, ohne, dass ich es wollte. Im Trainingslager war ich plötzlich so platt und fertig, dass ich Einheiten abbrechen musste. Das waren so viele schlechte Tage hintereinander. Da dachte ich mir: Das kann einfach nicht sein. Ich habe mich untersuchen lassen, am Anfang kam gar nichts raus. Erst bei der zweiten Blutabnahme.

Ihr Vater war selbst jahrelang als Radprofi aktiv, ist an der Seite Ihres Onkels, Jan Ullrich, die Tour gefahren. Sie sagen aber bewusst, dass Sie Ihre eigene Geschichte schreiben.

Selbstverständlich, ich gehe meinen eigenen Weg. Ich sitze ja auch alleine auf dem Rad. Aber es ist voll gut, dass ich auf diese Expertise und auf die Erfahrungen zurückgreifen kann. Wenn ich mich beispielsweise in Sierra Nevada auf die Tour vorbereite, kommt mir manchmal der Gedanke, dass mein Vater und Ulle genau dasselbe gemacht haben. Das kommt mir dann fast ein bisschen surreal vor (lacht).

In Ihrer Geschichte wird immer die 17. Etappe beim Giro 2024 eine große Rolle spielen. Ihr erster Sieg bei einer Grand Tour.

Ich habe mein Leben lang davon geträumt. Natürlich will man erstmal grundsätzlich bei einer Grand Tour mitfahren – aber dann eine Etappe gewinnen. Das ist nicht vielen Fahrern vergönnt. Ich habe es geschafft, das war ein unglaublicher Moment. Ich denke oft daran zurück.

Einer der Verfolger war ein gewisser Tadej Pogacar.

Ein paar Tage vorher war ich auf dem Weg nach Livigno schon allein vorne. Dann kam Pogacar vorbeigeflogen. Wir werden von unserem Sportlichen Leiter auf dem Laufenden gehalten, deshalb wusste ich, dass er wieder anzieht. Das hat es spannend gemacht. Ich wollte nicht wieder eingeholt werden. An dem Tag hat er mich nicht bekommen (lacht). Ich hatte morgens beim Einfahren schon gemerkt, dass sich die Beine gut anfühlen.

Wenn Pogacar am Berg an Ihnen vorbeifliegt – denken Sie dann: Das ist eine andere Welt.

Das ist definitiv eine andere Liga, da gehören aber mehrere Fahrer dazu. Das muss man akzeptieren. Florian Lipowitz würde am Berg auch an mir vorbeifliegen (lacht). Sein Erfolg mit dem Podium bei der Tour ist für den deutschen Radsport Gold wert, das hat ganz viel bewirkt. Ich sehe das sehr positiv, und gar nicht diese große Konkurrenz, nur weil wir beide deutsche Fahrer sind.

Gibt es etwas, auf das Sie sich besonders freuen?

Wir fahren Alpe d’Huez hoch, vermutlich der berühmteste Berg im Radsport. Mir haben schon viele Leute gesagt, dass sie bei der Etappe da sein werden. Auch bei der 14. Etappe nach Le Markstein werden viele bekannte Gesichter an der Strecke sein. Es wäre schön, dann mit in der Spitzengruppe zu sein. Das ist auch ein Profil, das mir liegen könnte. Und natürlich: die Ankunft in Paris. Egal, wie die drei Wochen zuvor liefen, die Fahrt durch Paris ist für jeden Fahrer immer was ganz Besonderes.

Gerade in den Gebirgsetappen werden viele Fans ganz nah an der Strecke sein. Mögen Sie die Fahrt durch die Menschenmasse, mit Verkleidungen und oft auch Pyrotechnik?

Man nimmt das bewusst wahr. Das ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man durch diese Masse fährt. Du wirst von links und rechts angeschrien, den Berg hochgeschrien. Pyrotechnik finde ich immer ein bisschen nervig. Man ist schon genug außer Atem (lacht). Aber die Stimmung ist ein großer Teil des Radsports, darauf freue ich mich!

INTERVIEW: NICO-M. SCHMITZ

Artikel 9 von 11