Julian Nagelsmann – konnte im Team kein Feuer entfachen. © Weller/dpa
2023 wurde Deutschland zum dritten Mal Hockey-Weltmeister.
Bundestrainer-Worte, die nicht ankamen: Die DFB-Elf ist ausgeschieden. © Samad/AFP
München – Die Frage nach dem Warum ist mitgeflogen, als sich die einzelnen Reisegruppen des frustrierten DFB-Teams in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch auf den Weg über den Großen Teich machten. Wie viel Schuld hat Julian Nagelsmann am krachenden WM-Scheitern, wie viel die Spieler? Was hätte man anders machen können, was müssen? Und überhaupt: Was muss passieren, um den Sinkflug des deutschen Fußballs aufzuhalten? Personelle Konsequenzen sind das eine, aber auch das Stichwort „Kommunikation“ ist aus vielen Richtungen zu vernehmen, wenn es um die letzten Tage, Wochen, Monate geht. Der Vorwurf: Nagelsmann mache sein Ding, ohne die Gruppe abzuholen – in der Vorbereitung, im Camp, während des Turniers. Dabei geht es auch ganz anders! Das Paradebeispiel: die Hockey-Nationalmannschaft. Weltmeister, Europameister, Olympiazweiter.
Zwar ist der DFB nicht gerade dafür bekannt, den Blick über den weiten Horizont der Fußball-Blase hinauszurichten, aber immerhin wurden Impulse aus dem Deutschen Hockey-Bund schon zweimal angenommen. Der einstige Weltmeistertrainer Bernhard Peters stand Joachim Löw in den Anfangsjahren beratend zur Seite, Ex-Frauen- und Männer-Bundestrainer Markus Weise baute die DFB-Akademie mit auf. Aktuell zeigt Bundestrainer André Henning auf, wie man eine kriselnde Sportart zurück in die Erfolgsspur führt. Sein Geheimnis klingt simpel, der 42-Jährige sagt: „Man muss die Menschen abholen, wo sie stehen.“ Bei der Leadership-Konferenz des Internationalen Fußball Instituts (IFI) in Baierbrunn bei München verriet er sein Erfolgsrezept – als Anti-Nagelsmann.
Auch Henning hat sein Team nicht zur Blütezeit übernommen. Platz 5 bei der WM 2018, bei den Olympischen Spielen in Tokio erstmals seit 20 Jahren ohne Medaille. Aber der Weg aus der Krise gelang im Kollektiv. „Jede Organisation ist intelligenter als ihre Führung“, sagt Henning, der in mehr als 20 Jahren vom Kontrollzwang zu einer kooperativen Führung übergegangen ist. Die 18 bis 25 Mann seines Kaders sollen mitdenken und mitbestimmen. Nagelsmann wurde taktische Sturheit vorgeworfen, zum Beispiel mit Blick auf Kapitän Joshua Kimmich, der auf der Außenverteidigerposition verkümmerte.
Bei Henning kam der Impuls zur Taktikänderung vor der WM 2023 – weg von Mann- zur Raumdeckung – aus dem Team. „Ich berühre keinen Ball. Also frage ich mich: Wie erhöhe ich die Partizipationsprozesse, sodass die Spieler mehr Verantwortung übernehmen? Wie mache ich aus einer Gruppe ein Team?“
Einen Kuschelkurs verfolgt der Hockey-Chef trotzdem nicht. Er setzt auf „wertschätzende Konfrontation“, auf „Klarheit statt Harmonie“. Aber er verzichtet inzwischen auf die „x-te Videositzung, wenn ich merke: Wir brauchen gerade einen anderen Impuls als Gruppe.“ Sogar die Überlegung, den WM-Kader gemeinsam zu bestimmen, hatte er. Aber das ging dann doch (noch) zu weit. Nagelsmann hingegen gab im Frühjahr im „Kicker“ ein Haudrauf-Interview, bei dem er öffentlich schonungslos Schwächen seiner Spieler aufzählte.
70 teils hochkarätige Gäste aus dem Fußball lauschen in Baierbrunn gebannt – sie hat der „Hockey-Typ“, wie Henning sich selbst nennt, schon mitgenommen. Vielleicht ein Anfang, DFB?!HANNA RAIF