Entlassen: Derwall. © Rudel/Imago
Oldies: Herberger o. mit Fritz Walter, li. das Vinyl-Cover von Udo Jürgens’ Schön-Ständchen. © Monfort/ Gora/dpa
Gesellige Runde: Völler (2.v.li.), hier neben Moderator Gottschalk, Basketballer Nowitzki und Model Auermann (v.re.). © Scherf/Imago
Flick (o.) zog’s zu Barca, Ribbeck (re.) auf die Kanaren.
New York – Rudi Völler betrat die Stierkampfarena von Palma de Mallorca – und das Publikum erhob sich zur Ovation. Für einen Gescheiterten. Ein paar Wochen vor seinem Auftritt in der Sommersonderausgabe 2004 von „Wetten, dass…?“ hatte Rudi Völler als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft hingeschmissen. Bei der EM in Portugal war die DFB-Elf über die Vorrunde nicht hinausgekommen. Eine Katastrophe – doch Rudi Völler wurde sie nicht nachgetragen. Das Land schloss den Mann, den es schon als wuseligen Stürmer geliebt hatte, in seine Arme. Alles verziehen.
In diesem Augenblick war klar: Rudi Völler würde das Land nicht verlassen müssen, für ihn würde es immer was zu tun geben in der Bundesliga. Und so kam es: Er rückte bei Bayer Leverkusen ins Management, und knapp zwanzig Jahre nach seinem Rückzug vom DFB war er auch dort wieder gefragt.
Völler ist die Ausnahme. Wer als deutscher Bundestrainer scheitert oder aufhört, für den wird es schwer, eine angemessene Anschlussverwendung zu finden. Manchmal folgt auf die Beachtung, die man im höchsten Amt im Fußballstaat erfährt, die gesellschaftliche Ächtung. Der Job, den nicht viele ablehnen würden, weil sie in ihm die Krönung der Karriere sehen, kann besagte Karriere auch knicken.
Die ersten beiden Bundestrainer, Sepp Herberger und Helmut Schön, regierten noch in langen Zyklen, und sie hatten ihren Abschied weit im Voraus bekannt gegeben. Herberger hatte den WM-Titel 1954 in seiner Vita stehen, Helmut Schön dann den von 1974, und als die WM 1978 missriet, musste man den „Langen“ nicht vom Hof jagen. Es war klar, dass er gehen würde. Auf der WM-Platte von Udo Jürgens mit der Nationalmannschaft hatte es sogar schon ein offizielles Abschiedslied gegeben: „Der Mann mit der Mütze geht nach Haus‘, und unsere Achtung nimmt er mit und unseren Applaus.“
Nachfolger Jupp Derwall hingegen verließ den DFB als entlassener Mann (nach der EM 1984). Er war 57, aber in Deutschland nicht vermittelbar. Er fand sein Glück zur eigenen Überraschung in der Türkei, wo deutsche Lehrmeinung noch etwas galt. Drei Jahre trainierte Derwall Galatasaray Istanbul. Doch in Deutschland machte man sich über „Silberlocke“ lustig.
Auch Berti Vogts, Bundestrainer von 1990 bis 98, hatte ein Akzeptanzproblem. Nach seiner vom öffentlichen Druck erzwungenen Aufgabe war er über zwei Jahre joblos. 2000/01 bekam er eine Chance bei Bayer Leverkusen, stellte ein „Funktionsteam“ zusammen mit spezialisierten Assistenten – wieder verhöhnten ihn die Deutschen. Heute ist, was Vogts anschob, Standard. Nach einem halben Jahr wurde er in Leverkusen entlassen und übernahm noch einige Nationaltrainerjobs in kleineren Ländern (Kuwait, Schottland, Aserbaidschan).
Beim DFB kam nach Vogts Erich Ribbeck. Ein Trainer, der immer eine gewisse Grundachtung erfahren hatte: Der „Sir“, ein souveräner Typ mit guten Manieren. Die EM 2000 warf ihn komplett aus dem Geschäft. Als Lachnummer zog sich Ribbeck mit 63 nach Gran Canaria zurück.
Besonders schlimm war das Aus für Hansi Flick. Nach dem historischen Sixtuple mit dem FC Bayern erzwang er die Vertragsauflösung, als sich die Option DFB auftat. Nach seiner Entlassung nach gerade mal zwei Jahren verschwand er für Monate aus der Öffentlichkeit. Die höhnte derweil über die „Graugänse“-Passage aus der WM-in-Katar-Doku. Dass kein deutscher Club sich ernsthaft für ihn interessierte, wurde für Flick aber zum Glück: Ab nach Barcelona!
Und Julian Nagelsmann? Bei ihm könnte es ähnlich laufen, falls es beim DFB jetzt zu Ende geht. In der Bundesliga wartet derzeit kein Club auf ihn, doch in der Premier League soll er schon auf manchem Zettel gestanden haben. Für den Vorruhestand à la Joachim Löw (61, als er aufhörte) ist er noch zu jung.GÜNTER KLEIN