Unser größter WM-Fehler begann schon vor dem Turnierstart.
Die Diskussion nach dem Turnier dreht sich vor allem um den Bundestrainer, einzelne Spieler oder taktische Details. Für mich beginnt die Analyse aber viel früher: bei einer ehrlichen Einordnung unseres aktuellen Leistungsniveaus.
Wir müssen akzeptieren, dass wir momentan nicht zu den fünf stärksten Nationalmannschaften der Welt gehören. Das ist keine Schwäche, sondern die Realität. Und genau diese Realität muss der Ausgangspunkt jeder Entwicklung sein. Aus meiner Sicht haben wir diese Rolle nicht richtig angenommen. Wir sind mit einer Spielidee ins Turnier gegangen, die eher zu einer dominanten Top-Mannschaft passt. Das Ergebnis war offensichtlich: zu wenig klare Torchancen, gleichzeitig in fast jedem Spiel Gegentore kassiert. Es fehlte die Balance.
Wenn wir unsere Rolle als Herausforderer angenommen hätten, hätte daraus eine andere Spielidee entstehen müssen: mehr Stabilität, mehr Kompaktheit, klarere Profile. Für mich wäre genau das der realistischere Weg gewesen. Spätestens nach dem zweiten Gruppenspiel waren wir für unsere Gegner entschlüsselt. Gegen Ecuador sind wir jedoch nahezu mit derselben Idee aufgetreten – obwohl der Gegner längst wusste, wie er uns verteidigen musste.
Julian Nagelsmann halte ich weiterhin für einen außergewöhnlich guten Trainer. Für mich ist er jedoch vom Profil her ein klassischer Vereinstrainer, der von der täglichen Arbeit lebt. Genau diese Möglichkeiten bietet eine Nationalmannschaft nur sehr begrenzt. Deshalb glaube ich, dass wir für die aktuelle Situation ein anderes Profil brauchen.
Roger Schmidt hat immer wieder bewiesen, dass er Mannschaften entwickeln und Identität schaffen kann. Genau diese Fähigkeit brauchen wir jetzt: nicht nur einen Trainer für das nächste Turnier, sondern einen Trainer für ein neues Projekt. Für mich beginnt dieser Weg mit Ehrlichkeit. Mit einer ehrlichen Analyse, einer klaren Rollenbeschreibung – und erst danach mit der Entscheidung, welchen Weg wir gehen wollen, um wieder ganz nach oben zu kommen.
Es geht jetzt nicht darum, möglichst schnell wieder erfolgreich zu sein, sondern den Grundstein dafür zu legen, dass wir in zwei, vier oder sechs Jahren wieder zu den Mannschaften gehören, die aus eigener Stärke um Titel spielen können.
Marcell Jansen begleitet die WM als Experte.