Ich muss ehrlich sagen: Als Nick Woltemade seinen Elfmeter verschoss, kamen Muttergefühle in mir hoch. Ich hätte den hilflosen Hünen gern in den Arm genommen, ihm über seine verstrubbelte Mähne gestreichelt. Dabei habe ich mich schon bei seinem geschlurften Anlauf gewundert. Der hat richtig Schiss, dachte ich.
Doch so leid es mir für die jungen Spieler und Manuel Neuer tut – Profifußball ist ein krasses Geschäft. Julian Nagelsmann hat selbst gesagt: „Im Fußball geht es nur ums Gewinnen. Wenn du gewinnst, ist alles perfekt. Wenn du verlierst, ist alles Shit.“ Da steckt er jetzt selbst bis zum Hals drin – Selbstkritik? Fehlanzeige.
Als dann auch noch zweite Tor der Deutschen wegen Foulspiels aberkannt wurde, erinnerte Nagelsmann an ein garstiges Erdmännchen am Spielfeldrand.
Viele Experten sagen, dass der Schiedsrichter falsch entschieden hat. Kann sein. Ich habe nur Gewusel gesehen und die Analysen nach dem Spiel weit nach Mitternacht verschlafen. Bei uns in Giesing hat man von der Vollpleite am nächsten Tag wenig gemerkt. Für den gemeinen 60-Fan ist so ein WM-Aus im Sechzehntelfinale quasi ein knapp verpasster Sieg. Nur eine ältere Frau im Schnäppchenmarkt machte ihrem Ärger Luft. Sie wollte ihre gekauften Fan-Artikel, einen schwarz-rot-goldenen Hut und einen Wangen-Schminkstift an der Kasse zurückgeben und ihr Geld wiederhaben. Doch der Schminkstift war schon benutzt.