Nun ist es offiziell: Julian Nagelsmann tritt als Bundestrainer zurück – und für diese Entscheidung gibt es verschiedene Lesarten. Die erste lautet: Der 38-Jährige stellt sein Ego hintan und übernimmt Verantwortung. Schließlich war während seiner Amtszeit einer der Hauptkritikpunkte, dass Nagelsmann sich selbst zu sehr in den Vordergrund gerückt habe – mit launigen Antworten, privaten Agenden gegen Spieler wie Deniz Undav oder der Suche nach zu viel Scheinwerferlicht. Ein Rücktritt zeigt nun Größe und seinen Willen zu einem versöhnlichen Abschied.
Es gibt aber auch noch eine zweite Lesart: Von seinem Rücktritt profitiert nicht nur der Verband, sondern auch Nagelsmann selbst. Schließlich dürfte er auch in diesem Fall einen Auflösungsvertrag unterzeichnen, der ihm eine Abfindung in Höhe eines Jahresgehalts sichert. Dieses soll bei rund sieben Millionen Euro liegen. Durch die Auflösung seines Vertrags kann Nagelsmann wieder andere Trainerjobs übernehmen. Für ihn, der unbedingt selbst das Heft des Handelns in der Hand haben will, ist das besser, als seinen Vertrag bis 2028 auszusitzen. Somit war die Entscheidung zum Rücktritt nicht nur eine noble Geste, sondern im Grunde alternativlos. Der mediale Druck war ohnehin zu groß, die deutsche Öffentlichkeit hatte sich von ihm abgewendet. Dabei darf man nun aber nicht den Fehler machen, alle Versäumnisse auf Nagelsmann zu schieben.
Zu viel Familienzeit oder Uno-Runden der Spieler waren bei dieser WM genauso wenig der Grund für das Aus wie die Diskussionen um die One-Love-Binde bei der letzten WM. Diese Debatten sind Blendgranaten, die vom eigentlichen Problem ablenken: Die Qualität der deutschen Spieler hat in den vergangenen Jahren sukzessive abgenommen. Beim DFB muss die Frage beantwortet werden, warum Frankreich und England in jedem Nachwuchsjahrgang so viel bessere Spieler hervorbringen als Deutschland. Auch ohne Julian Nagelsmann.