Das kostete ihn Sympathien: Jürgen Klopps Vorstellung bei Red Bull.
Auf dem Höhepunkt: Klopp mit Dortmund als Deutscher Meister. © Silz/dpa, Petzsche/IMAGO
Die große Nachricht des Tages verschlief Jürgen Klopp. Als die „breaking news“ vom Rücktritt von Julian Nagelsmann die Fußball-Nation wachrüttelte, hing dessen auserkorener Erbe in Nordamerika seinen Träumen nach. Aber natürlich war Klopp längst eingeweiht – noch zwei Wochen lang soll er für MagentaTV als „Fernseh-Bundestrainer“ die WM erklären – und dann als DFB-Wunschlösung in die Rolle des echten Chefs wechseln.
Sind aller guten Dinge drei? Schon zweimal sollte der 59-Jährige das Amt des obersten Fußballlehrers übernehmen, doch auch jetzt gibt es wieder Hürden zu überwinden. Red Bull, heißt es, will seinen „Head of Global Soccer“ nur gegen eine Millionen-Ablöse aus dem Vertrag bis 2029 entlassen. Das wäre ein Novum in über 126 Jahren DFB-Geschichte. Und obwohl Klopp der Traumkandidat für Verband, Fans und Experten ist – es gibt auch Zweifel an seiner Eignung.
Zunächst: Als großer Charismatiker mit unbändiger Leidenschaft, als unnachahmlicher Potenzial-Maximierer mit enormer Expertise, als nonchalanter Weltmann, mit allen (auch trüben!) Wassern gewaschen, ist Klopp der Bewerber, auf den die noch ungedruckte DFB-Stellenausschreibung passt wie Klopp einst nach Dortmund oder Liverpool. Der „Normal One“, einer von „uns“. Und er stünde bereit.
„Sollte ich irgendwann einmal gefragt werden, und ich wäre verfügbar, dann würde ich darüber nachdenken“, bekannte er schon im August 2018, als Titelverteidiger Joachim Löw gerade die WM in Russland vergeigt hatte. Im Frühjahr 2019 traf der DFB unter dem damaligen Boss Reinhard Grindel sogar eine lose Verabredung mit Klopp, dieser solle 2022 von Löw übernehmen.
Im März 2021, Löws vorzeitiger Abschied für nach der EM war gerade bekannt geworden, wurden die zarten Bande wieder aufgenommen. Klopp sprach von einer „Ehre“, dass er „gefragt wurde“ – und verwies auf seinen Vertrag in Liverpool. Dort war er auch im Januar 2023 noch, als er meinte: „Es ist nicht völlig ausgeschlossen – aber es muss passen.“
Nun, Klopp hat „einen Job, den ich sehr gerne mache“. Beim Brausekonzern. Ein Posten, der ihn jede Menge Sympathien gekostet hat. Sogar in Mainz oder Dortmund, wo er einst kurz vor der Heiligsprechung stand. Auch seine zahlreichen Werbepartnerschaften werden kritisch gesehen – übrigens auch mit Adidas, jenem Unternehmen, das als DFB-Ausrüster im Januar von Nike abgelöst wird. Sein bisweilen aufgesetzt wirkendes Haifischgrinsen, seine manchmal bissige, oft flapsige Art – all das wird bekrittelt. Ist Klopp womöglich genau so „selbstverliebt“, wie Nagelsmann am Ende gesehen wurde?
Und wenn schon, würde Klopps alter Duz-Kumpel Hans-Joachim Watzke einwenden, der als DFB-Vize am Nagelsmann-Aus mitwirkte. „Er ist ein großartiger Trainer. Das hat er immer wieder bewiesen“, sagte Watzke erst im Juni. Und ist Klopp nicht der bessere Kommunikator als Nagelsmann?
Schon in der 8. Klasse sei er zum Klassensprecher gewählt worden, erzählte er einmal, „zu meiner eigenen Überraschung“. Diese Koketterie ist typisch Klopp. Für ihn sei das viele Reden so natürlich wie für andere das Laufen. Manchmal verrennt er sich dabei. Wie zu WM-Beginn, als ihm „das Unwort meines Jahres“ rausrutschte: „Noch“. Noch stelle Nagelsmann die Nationalmannschaft auf, witzelte Klopp. Thomas Müller rief sofort: „Kloppo, du bist schon im September.“ Oder im Juli.