Stimme der Tour: Eurosport-Experte Voigt. © Eurosport
Doppelspitze: Lipowitz (li.) und Evenepoel. © Red Bull
München – Er war mit 17 Teilnahmen der deutsche Dauerbrenner bei der Tour. Seit 2019 ist Jens Voigt für Eurosport als Experte das Gesicht des Radsports. Unsere Zeitung sprach mit dem 54-Jährigen.
Herr Voigt, die Tour startet in Barcelona mit einem Teamzeitfahren. Vorteil für Red Bull, das in Remco Evenepoel den Weltmeister hat?
Remco wird seiner Mannschaft auf jeden Fall helfen. Er ist einer der besten Zeitfahrer der Welt, daran gibt es keinen Zweifel. Und der Schlussanstieg ist kein Alpenpass, sondern eher ein Anstieg, wie man ihn aus den Klassikern kennt. Das liegt ihm. Wenn Red Bull einen richtig guten Tag erwischt, kann Evenepoel am Ende sogar das Gelbe Trikot übernehmen.
Das hatte man seit dem Red Bull-Einstieg noch nicht…
Ja, und das wäre enorm wichtig. Damit hast du im Prinzip schon die halbe Tour gerettet. Der Druck fällt sofort ab. Die Sponsoren sind zufrieden, die Medien berichten positiv, die Stimmung in der Mannschaft ist gut. Jede Mannschaft fährt zur Tour mit dem Ziel, mindestens eine Etappe zu gewinnen. Wenn das gleich am ersten Tag gelingt, fährst du die nächsten Wochen mit einem ganz anderen Selbstverständnis.
Red Bull setzt mit Evenepoel und Florian Lipowitz anders als die Konkurrenz auf eine Doppelspitze. Ein Vorteil oder eher ein Nachteil?
Eine Doppelspitze ist oft schon die Antwort auf die Frage, ob man selbst wirklich an den Toursieg glaubt. Pogacar braucht keine Doppelspitze. Vingegaard braucht keine Doppelspitze. Die sagen: Wir haben unseren Kapitän. Eine Doppelspitze bedeutet häufig: Wir hoffen, dass einer von beiden ganz vorne landet. Trotzdem kann das funktionieren – aber nur, wenn beide bereit sind, alles zu riskieren. Dann muss vielleicht einer schon 60 Kilometer vor dem Ziel angreifen. Die Folge ist: Entweder du fliegst komplett auseinander oder du gewinnst richtig Zeit. Wobei ich mir vorstellen kann, dass der Ausgang der gleiche ist wie im letzten Jahr.
Das hieße Lipowitz landet vor Evenepoel. Und Pogacar bleibt unerreichbar?
Ja. Ich halte Florian inzwischen über drei Wochen für den stärkeren Rundfahrer als Remco. Und Pogacar? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er antastbar ist. Wenn er nicht stürzt.
Sie haben mit „shut up, legs!“ einen der berühmtesten Sätze im Radsport geprägt. Kennt Pogacar das überhaupt?
Im Moment wahrscheinlich nicht. Im Radsport sagen wir: Er spürt die Kette nicht. Das heißt, er spürt keinen Druck, keinen Schmerz. Pogacar fährt seit zwei Jahren in der Form seines Lebens.
Viele erwarten Spektakel. Ein Widerspruch?
Nein, es gehen viele Fahrer in Topfom an den Start. Lipowitz macht einen hervorragenden Eindruck. Evenepoel ist spannend, weil er seit zwei Monaten kein Rennen mehr gefahren ist. Körperlich wird er stark sein, aber man muss sehen, ob ihm vielleicht die Rennhärte fehlt. Vingegaard kommt mit dem Giro-Sieg. Dazu kommen Fahrer wie Ayuso oder Seixas. Das verspricht viele Angriffe.
Die Strecke dürfte ihren Teil beitragen. Ist die Tour härter als zu Ihrer Zeit?
Die Tour-Organisatoren sind da seit Jahren sehr clever. Früher konntest du die ersten Tage oft relativ ruhig überstehen – jetzt ist es von Beginn intensiv. Heute bauen sie vom ersten Wochenende an Schwierigkeiten ein. Das Teamzeitfahren, der Kurs über den Montjuïc. Da kannst du früh Zeit verlieren. Es gibt keine Phase mehr, in der man einfach nur ankommt. Das ist schon härter ja. Für die Zuschauer ist das großartig. Für die Fahrer ist es brutal.
Allerdings wird mit den Fahrern auch moderner und wissenschaftlicher gearbeitet. Wären Sie gerne mit den heutigen Bedingungen gefahren?
Heute wird alles gemessen. Teilweise wird sogar das Abendessen der Fahrer abgewogen. Das gab es zu meiner Zeit in dieser Konsequenz nicht. Es ist weder besser noch schlechter geworden – einfach anders. Aber nein, ich bin froh, dass ich da raus bin.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT