Rot auf der Überholspur: Das feiernde Ferrari-Duo Leclerc/Hamilton (r.). © dpa / Bandic
Silverstone – Während Rennsieger Charles Leclerc mit den jubelnden Tifosi die Feierlichkeiten bei Ferrari eröffnete, machte sich ein paar Meter weiter Ernüchterung im Mercedes-Lager breit. „Es ist der dritte Ausfall, bei drei Rennen, die wir hätten gewinnen können“, fluchte Teamchef Toto Wolff im ORF: „So kannst du nicht um eine WM fahren, wenn du 75 Punkte leichtfertig liegen lässt.“ Der Schock über den späten Defekt bei WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli saß tief – und er brachte eine Erkenntnis. Mit hochgezogener Augenbraue erkannte Wolff: Ferrari „ist ein echter Gegner.“
Die Scuderia feierte in Silverstone ihren historischen 250. Sieg in der Formel 1 und erweist sich zunehmend auf Augenhöhe mit Mercedes. Der Traum vom ersten Fahrertitel seit 2007 lebt. Alles deutet auf einen neuerlichen Showdown zwischen Rot und Silber hin.
Das nahm auch die italienische Presse begeistert zur Kenntnis. „Ferrari setzt jetzt auch Mercedes unter Druck“, schrieb der „Corriere dello Sport“. „Wenn Ferrari seine Fortschritte bestätigt, können die Tifosi vom Titel träumen“, prognostizierte „Tuttosport“. „La Stampa“ meint: „Maranello hat diese WM wieder geöffnet.“
Tatsächlich hat die Aufholjagd Ferraris mit vielen Updates in der berühmten Fabrik im Norden Italiens begonnen. Das technische Wettrüsten hatte noch vor dem chaotischen Rennen in Silverstone für erste Sticheleien gesorgt.
Die von Wolff geäußerten Bedenken angesichts der vielen Updates fasste Ferrari-Teamchef Fred Vasseur als Betrugsvorwurf auf. „Fred geht schnell sehr leicht an die Decke, aber so ist es, ich kenne ihn 25 Jahre“, sagte Wolff bei Sky über seinen langjährigen Freund: „Wir sind Konkurrenten in erster Linie und manchmal geht man durch leichtere und schwierigere Zeiten.“
Noch hat Mercedes im WM-Rennen beide Piloten vorn, weitere Ausfälle wie schon in Kanada, Katalonien und nun Großbritannien sind jedoch tabu. Antonelli führt mit 25 Punkten Vorsprung vor seinem Teamkollegen Russell, der Zweiter wurde. „Wir liefern uns derzeit ein enges Duell mit Ferrari, es geht also nicht nur um Kimi und mich – auch Lewis ist noch ganz nah dran“, warnte Russell.
Schließlich hat Lewis Hamilton nur 32 Zähler Rückstand. Schon beim letzten Titelkampf Silber vs. Rot während der Hybrid-Ära war der Rekordweltmeister ein Protagonist – damals im Silberpfeil gegen Ferrari-Pilot Sebastian Vettel.
Er sei „zutiefst beeindruckt“ von der Entwicklung seines Teams, sagte Hamilton nach seinem dritten Platz im Heimrennen. Er glaube, dass Beständigkeit den Unterschied machen kann.
Dass die Scuderia derzeit das zuverlässigere Auto hat, nährt die Titelhoffnungen der Italiener. Zum Jubiläumssieg ließ Ferrari mehrere Größen seiner Geschichte auf einer Fotomontage verschmelzen: Eingerahmt von den Legenden Michael Schumacher, Alberto Ascari und Niki Lauda ballten Leclerc und Hamilton die Faust. Eines haben die Ferrari-Ikonen der Vergangenheit den Piloten der Gegenwart aber noch voraus: einen WM-Titel in Rot.SID