Die USA sind raus, der Skandal bleibt

von Redaktion

Bringt Europa Gianni Infantinos Herrschaft nun ins Wanken?

Anfang vom Ende der amerikanischen Fan-Zuversicht: De Ketelaere erzielt das 1:0 für Belgien. © dpa (2)

In Bedrängnis: Gianni Infantino, der Fifa-Präsident und Donald-Trump-Freund. © Manu Fernandez/dpa

Seattle/München – Montagabend, 19 Uhr, „heute“, die Nachrichtensendung im ZDF: Es geht los mit Fußball. Mit der Umwandlung einer Rot-Sperre in eine Bewährungsstrafe.

Um 20 Uhr dann, „Tagesschau“ im Ersten: dasselbe Thema. Haben der Weltfußballverband Fifa und ihr Präsident Gianni Infantino von Donald Trump die Entscheidung rund um den amerikanischen Stürmer Folarin Balogun aufdiktieren lassen?

In anderen Ländern wird es ähnlich gewesen sein: Der Fall Balogun, der eigentlich ein Fall Infantino (und natürlich auch ein Fall Trump ist), überstrahlte die restliche Nachrichtenlage der Welt. Da mag die Fifa dann doch gemerkt haben: Ihr fliegt die Sache um die Ohren, nun muss sie beweisen, dass sie unabhängig und nach Faktenlage entschieden hat und es sich auf keinen Fall um eine Gefälligkeit gegenüber dem US-Präsidenten handelt. Sie verschickte am späten europäischen Abend, gut zwei Stunden vor dem Anpfiff der Partie USA – Belgien in Seattle, eine 13-Punkte-Stellungnahme ihrer Disziplinarkommission. Der Tenor: rechtlich sauber, dass man Folarin Balogun trotz seiner Roten Karte im Spiel davor auflaufen lasse. Und die Uefa solle sich mal nicht so haben, in Europas Topligen kämen solche Fälle ständig vor.

Mit der 1:4-Niederlage und dem Ausscheiden der USA bleibt der Fifa zumindest erspart, dass der belgische Verband Rechtsmittel einlegt und vor den Sportgerichtshof CAS ziehen wird. Doch auch wenn der konkrete Einzelfall nicht weiterverfolgt werden wird, so hat die Fifa das eigene Gesetzesgerüst ins Wanken gebracht. Schon stehen die Engländer auf der Matte, die fragen, ob nicht ihr Verteidiger Jarell Quansah – vom Platz gestellt im Achtelfinale gegen Mexiko – in der nächsten Runde nicht dabei sein müsse. Und auch Frankreich hat ein Thema: Müsste Michael Olises Gelbe Karte aus dem Achtelfinale (1:0 gegen Paraguay) nicht annulliert werden – schließlich hatte sich der Gegenspieler arg dramatisch fallen lassen. Der frühere DFB-Sportgerichtsvorsitzende Hans E. Lorenz sagte im kicker: „Jeder gesperrte Spieler und sein Verein werden sich in Zukunft auf diese Entscheidung berufen. Es wird größter Anstrengungen bedürfen, um diese Entwicklung aufzuhalten.“ Bisher habe die Fifa allen Verbänden mit Sanktionen gedroht, „sollten sie das Prinzip der Mindestsperre von einem Spiel missachten“. Nun verstößt sie gegen die eigenen Regeln.

Gianni Infantino versichert, die Disziplinarkommission habe unabhängig entschieden – doch kann man dem Fifa-Boss das glauben? Und erschüttert der Skandal seine eigene Position als absolutistischer Herrscher im Weltfußball? Ist seine Wiederwahl gefährdet?

Die Uefa, der Belgien angehört, hatte sich am Montag solidarisch mit ihrem Mitglied gezeigt. Sogar DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der bislang alles, was von der Fifa kam, abgenickt hat, gibt sich kritisch eingestellt gegenüber Infantino. „Ich bin mir mit der Uefa einig, dass dieser Vorgang nicht zu den Akten gelegt werden darf, zunächst aber unter den europäischen Fußballverbänden weiter besprochen werden muss.“ Uefa gegen Fifa, die Frontlinien sind gezogen.GÜK

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