Liebe Leserinnen und Leser, ich muss an dieser Stelle ein Geständnis machen, das für einen Sportreporter eher untypisch ist: Und zwar trinke ich an Spieltagen nur äußerst ungern Alkohol, bevor abends das Spiel losgeht. Und das schreibe ich nicht, weil hier der Chef mitliest oder mir kein Bier beim Mittagessen schmeckt, sondern schlicht, weil ich mich tagsüber lieber mit Kaffee wachhalte und das Anstoßen gern als Ritual für den Feierabend behalte. Und so kam ich am Sonntag vor dem Achtelfinale zwischen Mexiko und England in eine Zwickmühle: Beim Mittagessen in einem Taco-Laden wurde ich mal wieder als Gringo und nach kurzem Smalltalk als „Periodista Alemán“ (deutscher Journalist) identifiziert. In der Folge wurde der Periodista auf zwei Tequila eingeladen – die ich aufgrund der außergewöhnlichen Gastfreundschaft aller Mexikaner, die ich hier bislang treffen durfte, nicht ausschlagen wollte. Und so feierten wir vor dem Spiel eine kleine Party mitten in Mexiko-City, bei der ich einige unmoralische Angebote für meine Akkreditierung erhielt. Schließlich wollten die frenetischen Fans unbedingt ins Stadion. Und auch, wenn das legendäre Aztekenstadion 80 824 Zuschauer aufnehmen kann, reichte das gerade einmal für ein Hundertstel aller Fans allein in Mexiko-City, die gern hingegangen wären. Entsprechend wären die Jungs im Taco-Laden bereit gewesen, Haus und Hof für ein Ticket einzutauschen. Dieses Mal blieb ich jedoch resistent, bin samt meiner Akkreditierung zum Stadion gefahren und erlebte dort eines der packendsten Spiele dieser WM. Schade, dass Mexiko durch das 2:3 gegen England aus dem Turnier ausschied – ein Tequila vor dem Spiel schmeckt schließlich immer noch besser als ein Tee.