Suspendierung aufgehoben: Das Russische Olympische Komitee bereitet die Rückkehr in den Weltsport vor. © dpa
Der Helm von Heraskevych mit Bildern von 22 getöteten ukrainischen Athleten führte zur Disqualifikation. © dpa
Vladyslav Heraskevych war das tragische Gesicht der vergangenen Olympischen Spiele. Aufgrund eines Helms mit den Bildern von 22 getöteten ukrainischen Athleten durfte der Skeletoni nicht an den Wettbewerben teilnehmen. Aktuell befindet sich Heraskevych in Kiew, die ukrainische Hauptstadt steht seit Tagen wieder unter schwerem Beschuss russischer Raketen. Mit unserer Zeitung spricht der 27-Jährige über die jüngste Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees, Russland die Tür in den Weltsport zu öffnen.
Vladyslav Heraskevych, wie haben Sie die Entscheidung des IOC aufgenommen, die Suspendierung des Russischen Olympischen Komitees aufzuheben?
Mir war klar, dass es irgendwann passieren wird. Aber ich hätte niemals gedacht, dass diese Entscheidung so schnell getroffen wird. Es wird gesagt, dass das Russische Olympische Komitee nicht mehr in besetzten Gebieten operiert. Die Fakten sprechen dagegen. Beim Bob- und Skeleton hält die nationale Föderation etwa Trainingscamps auf der Krim ab. Es gab in den vergangenen Tagen zahlreiche Raketenangriffe auf Kiew, erneut wurden Menschen getötet. Die Situation aktuell ist eigentlich so schlimm wie nie zuvor. Und genau in dem Zeitraum macht das IOC diese Entscheidung publik, das ist einfach nur der Wahnsinn und eine Schande.
Im Krieg wurden über 600 ukrainische Sportler getötet.
Es wurden so viele gute Menschen getötet. Familienväter, Jugendliche, Freunde. Menschen, die jetzt eigentlich in Sportarenen sein sollten, und nicht unter der Erde. Die Tragweite der Tragödie, die wir gerade erleben, ist nicht in Worte zu fassen. Auf meinem Helm habe ich an 22 verstorbene Sportler gedacht, insgesamt sind es über 660. Das ist einfach nur grausam.
Bei den Olympischen Spielen wurden Sie disqualifiziert, weil Sie auf Ihrem Helm auf getötete ukrainische Sportler aufmerksam machen wollten. Wie schwer war es, den Traum von einer Medaille aufzugeben?
Man bereitet sich so lange auf die Olympischen Spiele vor. Ich hatte vorher gute Resultate, mein Material hat gepasst, ich war körperlich fit. Und dann kommt diese Entscheidung vom IOC. Es ist mir bis heute ein Rätsel, gegen welche Regel der Helm genau verstoßen hat. Das konnte mir das IOC nie verständlich erklären. Ich bin stolz, dass ich meinen Prinzipien treu geblieben bin. Ich habe das Richtige getan, das IOC ist auf dem falschen Weg. Transparenz gibt es nicht, es wird alles hinter verschlossenen Türen entschieden.
Denken Sie, IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat verstanden, in welcher Situation Sie und die ukrainischen Sportler sich befinden?
Sie war die letzte Person vom IOC, mit der ich vor der Disqualifikation gesprochen habe. Ich glaube, sie versteht nicht, was in der Ukraine gerade passiert. Sie war nie hier und hat überhaupt keine Ahnung, wie unser Leben gerade aussieht. Es fühlt sich so an, als wäre es dem IOC egal. Das IOC kümmert sich nur ums Business. Coventry ignoriert den Fakt, dass der russische Sport die russische Propaganda verbreitet.
Ein Argument des IOC ist, dass einzelne russische Sportler nicht am Krieg schuld sind. Deshalb sollen sie wieder antreten dürfen.
Es geht nicht nur um den Wettbewerb. Sondern auch um die riesige mediale Bühne, die der Sport bietet – und welche Botschaft so transportiert wird. Ich hatte nie das Ziel, die Karrieren von russischen Athleten zu zerstören. Es geht darum, die russische Propaganda zu stoppen. Und da spielt der Sport eine große Rolle. Es gibt Sportler, die an Propaganda-Events teilnehmen. Es gibt Sportler, die im Krieg kämpfen. Der russische Sport wird von der russischen Regierung, die uns gerade angreift, finanziert. Wie soll man das bitte trennen? Nach den Paralympischen Spielen gab es Sportler aus Russland, die ihre Erfolge Putin gewidmet haben. Aber sie haben nichts mit dem Krieg zu tun? Sie verwischen alles, was gerade passiert.
Sie haben viel Zeit in Deutschland verbracht. Der DOSB hat verkündet, dass er die Entscheidung des IOC „versteht“.
Ich hoffe, dass die nationalen Sportverbände die richtige Entscheidung treffen und Russland nicht die Tür öffnen. Ich weiß, dass Deutschland sich um Olympische Spiele bewirbt, aber es geht gerade um mehr als das. Die Regierung sollte klare Kante zeigen und die Anreise russischer Sportler verbieten.
INTERVIEW: NICO-MARIUS SCHMITZ