Träume auf dem Müll
Kombinierer reagieren mit Schock und Wut auf den Rauswurf aus Olympia – leise Hoffnung auf 2034
Jünger, spektakulärer: Freeride darf sich 2030 erstmals auf der Olympischen Bühne versuchen. © Schmid/AFP
Abschiedsvorstellung: In Mailand liefen die Kombinierer zum vorerst letzten Mal unter den Ringen. © Maloletka/dpa
Lausanne – Bundestrainer Eric Frenzel tat sich „schwer, Worte zu finden“. Athletensprecher Johannes Rydzek hatte der Beschluss aus Lausanne „den Boden unter den Füßen weggezogen“. Der Österreicher Lukas Klapfer schmiss sogar wütend seine Olympia-Medaillen in die Tonne. „Das ist es, was das IOC mit Talenten macht. Es wirft ihre Träume in den Müll“, befand er nach dem Olympia-Aus der Nordischen Kombinierer.
Es waren die vorherrschenden Gefühlswelten nach dem Spruch aus Lausanne. Verbunden mit der Sorge um die Zukunft einer gesamten Disziplin, der ein großes Stück Perspektive genommen worden ist. Seit der Premiere 1924 hatte der Zweikampf aus Skispringen und Langlauf immer zum olympischen Kanon gehört, Georg Thoma, Ulrich Wehling, Vinzenz Geiger oder eben Frenzel wurden als „Könige des Wintersports“ gefeiert. Vom Original-Programm der Spiele in Chamonix war bislang nur der Militärpatrouillenlauf gestrichen (und durch Biathlon ersetzt) worden – nun erwischte es die Kombination.
Die Argumente des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) klingen nach einem verheerenden Zeugnis. Die Sportart sei nicht ausgewogen genug – zu wenig Nationen, zu wenige Sieger –, so war es zu hören. Hinzu kommen Popularitätserhebungen, die das IOC durchführen lässt. Seit 2014 seien die Skizweikämpfer in den wesentlichen Kriterien Schlusslicht. Die Ringehüter sehen die Zukunft in jungen, lauten Disziplinen wie den verschiedenen Freestyle-Wettbewerben. 2030 wird auch die Geländevariante Freeride ins Programm aufgenommen. Auch Synchron-Eislaufen und erneut Skibergsteigen dürfen sich in Frankreich versuchen.
Nicht die Nordischen Kombinierer, denen nur die vage Hoffnung auf ein Comeback bleibt, die IOC-Chefin Kirsty Coventry in den Raum gestellt hatte. Ein Ball, den Horst Hüttel, der Sportchef des Deutschen Skiverbandes aufnahm: „Wir werden nach vorn blicken und hoffen, diese Chance für 2034, die dann im nächsten Jahr aller Voraussicht nach wieder auf die Agenda des IOC kommt, mit neuer Kraft und einem neuen Fis-Präsidenten Alexander Ospelt anzugehen.“
Der DSV will den Schaden für seine langjährige Paradedisziplin bestmöglich begrenzen. Doch organisatorisch dürfte die Finanzierung von Weltcups schwieriger werden. Sportlich droht ein Ausbluten. Schon zuletzt waren immer wieder Athleten zu den Spezialspringern abgewandert. Auch der Wechsel zu den Langläufern könnte eine Option sein. Vielleicht auch für Nathalie Armbruster, die seit Jahren um die Aufnahme der Kombiniererinnen ins Olympische Programm gekämpft hatte. Bei Instagram postete sie ein Bild, auf dem sie enttäuscht im Schnee liegt, verbunden mit den Worten: „leer, sauer, schockiert, sprachlos, traurig, enttäuscht, ungläubig, verwirrt“.
Die vollen Konsequenzen des Rauswurfs werden sich wohl erst in einigen Monaten, vielleicht Jahren zeigen. Frenzel befürchtet Schlimmes. „Ich hatte das Glück, den Traum vom Olympiasieg zu erfüllen“, sagte er: „Das haben jetzt sehr viele Sportler eben nicht.“DPA/SID