Geschlagen: Erling Haalands Norweger sind raus. © Sladky/dpa, Wittek/epa
Geteilter Meinung: Matchwinner Bellingham und Tuchel. © Potts/dpa
Perfektionist: Tuchel bemängelte bei seiner Mannschaft u. a. das fehlende Tempo. © Rickett/dpa
Miami – Der Perfektionist Thomas Tuchel machte noch seinem Ärger Luft, da feierten sogar schon die Beatles den Matchwinner. „Hey Jude“, schrieb die legendäre englische Band bei Instagram und postete ein Bild von Jude Bellingham, der an diesem so schwierigen Abend England ins WM-Halbfinale geschossen hatte.
Für Bellingham fand Tuchel nach dem 2:1 (1:1, 1:1) nach Verlängerung gegen kampfstarke Norweger nur das Wort „Weltklasse“. Doch mit der Mannschaftsleistung war der Deutsche überhaupt nicht zufrieden – und mit Blick auf das Halbfinale in Atlanta am Mittwoch (21 Uhr MESZ) gegen Weltmeister Argentinien mit Lionel Messi sogar besorgt. „Schlampig“ und „nicht schnell genug“ hätten die Engländer gespielt. Das Ergebnis, ja, das sei „fantastisch“, aber „ich bin nicht zufrieden mit der Leistung“. Der Sieg sei „pure Mentalität“ gewesen. Die extremen Bedingungen mit hohen Temperaturen und noch höherer Luftfeuchtigkeit ließ Tuchel nicht als Ausrede gelten.
Die Kommentare irritierten Matchwinner Bellingham sichtbar. „Vielleicht weiß er nicht, wie es ist, unter diesen Bedingungen gegen Erling Haaland, Martin Ødegaard, Antonio Nusa oder Alexander Sørloth zu spielen“, sagte der Mittelfeldspieler, der nach seinem Doppelpack (45.+2, 93.) bei sechs Turniertoren steht.
Gegen Norwegen zu bestehen, sei „nicht leicht“, daher könne er „nur in den höchsten Tönen“ von seinen Mitspielern sprechen. Und überhaupt: „Man kann nicht jedes Spiel gewinnen, indem man den Ball laufen lässt und 1000 Pässe spielt. Manchmal muss man auch dreckig gewinnen – und genau das haben wir getan.“
Tuchel beschwichtigte wenig später. „Von ganzem Herzen liebe ich meine Spieler und mein Team, aber wir können besser spielen. Es gibt viele Dinge, die wir besser machen können“, sagte er – und erhielt für seine kritische Haltung viel Zuspruch aus der Heimat.
Wayne Rooney betonte, Tuchel habe „in puncto Mentalität genau richtig gelegen“, und Alan Shearer bewunderte den Mut des Deutschen, deutliche Worte zu finden. Der Auftritt war wahrlich nicht glanzvoll, und der Ausgleich nach dem 0:1 durch Andreas Schjelderup (36.) hätte eigentlich nicht zählen dürfen (siehe Bildtext unten). Beim Siegtreffer half der sonst so starke Nyland mit. Bellingham staubte ab. „Wenn man jemanden wie Jude hat, der das Spiel für uns entscheiden kann, ist das natürlich ein großer Faktor“, sagte Harry Kane. Der Kapitän, der gemeinsam mit Bellingham zwölf der 13 Tore der Engländer bei dieser WM erzielt hat, stimmte Tuchels Kritik indirekt zu. „Ich habe uns beim Training beobachtet und das Potenzial gesehen, vor allem im letzten Drittel. Wir haben das alles noch nicht ganz zusammengebracht“, sagte er: „Aber wir stehen im Halbfinale einer WM, ohne unseren besten Fußball gespielt zu haben. Wenn wir diese Form am Mittwoch finden, könnte das den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen.“