Auch er kann es hart: Alexis Mac Allister (re.). © Baron/AFP
Harter Antreiber: Argentinens Enzo Fernández. © Andersen/AFP
Atlanta – Es gibt ein paar neuralgische Punkte auf dem Weg ins Atlanta Stadium, an denen sich die Zuschauerströme zwangsläufig ballen. Am abgesperrten Centennial Olympic Park mit dem offiziellen Fifa-Fanfest muss zwangsläufig jeder vorbei, der zum WM-Halbfinale zwischen England und Argentinien (Mittwoch, 21 Uhr MESZ/ARD und Magenta TV) will. Und wer belegt einen Treffpunkt wie Hudson Grille an der Kreuzung zur Marietta Street? Ziemlich sicher ertönt von den Fans der „Albiceleste“ dort wieder ihr Dauerbrenner: „So Argentino yo aliento a la seleccion … de los pibos de Malvinas, de la magie de Lionel.“ Als Argentinier feuere ich die Nationalmannschaft an … die Jungs von den Malvinas, die Magie von Lionel.
Noch immer kommen also die „Malvinas“, die Falklandinseln, vor. Um die Inselgruppe östlich vom Festland im Südatlantik gab es 1982 einen blutigen Krieg zwischen Argentinien und England, der auch Auswirkungen auf den Fußball hatte. Bei der WM 1986 nahm Diego Armando Maradona mit der „Hand Gottes“ im Viertelfinale gegen England in der Höhe von Mexiko City persönliche Rache für den Konflikt, wie er selbst sagte.
Glücklicherweise ist der Profifußball auf Vereinsebene längst ein globales Konstrukt. Aus dem aktuellen Aufgebot spielen sechs Argentinier in der Premier League. Bis auf Marcos Senesi (AFC Bournemouth) besetzen die England-Legionäre allesamt Schlüsselrollen. Das geht bei Emiliano Martínez (Aston Villa) als Stammkeeper los. Aus der Abwehrkette ragt Cristian Romero (Tottenham Hotspur). Wie er fiel auch schon Abwehrmann Lisandro Martínez (Manchester United) als Torschütze auf.
Enzo Fernández (FC Chelsea) und Alexis Mac Allister (FC Liverpool) setzen als lauf- und zweikampfstarke Mittelfeldspieler im Zentrum den Ton. Sie sind die wichtigsten Wellenbrecher zwischen den Welten – und verkörpern Hartnäckigkeit und Leidensfähigkeit bei einer geringen Wehleidigkeit und Verletzungsanfälligkeit.
Der Titelverteidiger pflegt gegen den Ball einen mitunter raubeinigen Stil, hat außer beim Spaziergang gegen Jordanien (3:0) in jeder Partie mindestens 13 Fouls begangen. Kein Team leistet sich bei dieser WM mehr Vergehen. Was macht diese Begegnung mit der Abordnung aus England? Verbrüderungsszenen mit Clubkollegen auf dem Rasen kämen schlecht an, aber ein Handshake im Kabinengang darf es ruhig geben. Ansonsten werden sie ihre Rolle als Brückenbauer ausblenden.FRANK HELLMANN