„Free Lipo – da muss ich schmunzeln“

von Redaktion

Philipp Lipowitz (27) über Bruder Florian, Bewegungsdrang und Bodenständigkeit

Bruderliebe: Florian und Philipp 2025 in Paris.

Im Kreis der Besten: Florian Lipowitz (2.v.li.). © IMAGO

Er ist selbst Leistungssportler, gelernter Biathlet. Im Moment ist Philipp Lipowitz aber vor allem Bruder und Mentor von Deutschlands Tour-Hoffnung Florian Lipowitz. Am Sonntag in Mühlhausen jubelt er ihm erstmals auch vor Ort zu.

Herr Lipowitz, über Ihren Bruder wird wieder heiß diskutiert. Er wirkt ruhig. Wie macht er das?

Das frage ich mich manchmal auch. Wenn ich ihn frage, dann klingt das einfach. Wenn er an Pogacars Hinterrad klebt und ich mir denke, wie schwierig das sein muss, sagt er nur: „Wenn es zu anstrengend wird, atme ich eben tiefer.“ Fast banal.

Keine Gedanken zu viel…

Das ist eine seiner größten Stärken. Dieses „keep it simple“ hilft ihm enorm. Und er lässt den Hype nicht an sich heran. Er fährt nach der Tour nach Hause, stellt seinen Pokal ins Kinderzimmer, setzt sich ein paar Tage später wieder aufs Rad und hat so viel Freude daran wie vorher. Er definiert sich nicht über den Erfolg. Das finde ich unglaublich schön.

War er von der Mentalität her schon immer anders?

Auf jeden Fall. Wir sind als Familie oft nach Seefeld zum Langlaufen gefahren. Teilweise hat er morgens der ganzen Familie das Frühstück vorbereitet. Weil wir dadurch früher in die Loipe konnten. Das Interessante ist: Es ging ihm nie darum, Weltmeister zu werden oder die Tour zu fahren. Ihm hat Bewegung einfach Spaß gemacht. Und er war gut darin. Ein echtes Ausnahmetalent.

Woher kam der Drang?

Wir sind so aufgewachsen. Bewegung war für uns nie Training. Im Sommer waren wir stundenlang mit dem Rennrad unterwegs, im Winter vier oder fünf Stunden auf Langlaufski. Man hat es gemacht, weil es Spaß gemacht hat. Insofern war es nicht so einfach, als im Internat in Stams alles reglementiert wurde. Da sind wir abends heimlich raus, um eine Runde zu joggen. Wenn du erwischt wurdest, gab es Ärger.

Wie erleben Sie Florian während einer Tour? Sehen Sie, wenn es ihm nicht gut geht?

Ich leide ehrlich gesagt ziemlich mit. Jeder Leistungssportler kennt diese Momente, in denen ein Rennen einfach wehtut. Wenn ich sehe, wie er stundenlang Berge hochfährt oder attackiert, weiß ich ungefähr, was in seinem Körper passiert. Aber wenn ich sehe, dass er mit niedriger Trittfrequenz noch locker sitzen bleibt, weiß ich: Da ist noch was im Tank.

Stehen Sie in Kontakt? Werden Sie vor Ort sein?

Wir sind In Mühlhausen, auch in Alpe d`Huez und in Paris. An Ruhetagen oder nach Sprintetappen schicken wir uns Sprachnachrichten. Aber normale Dinge. Ich will Bruder sein und nicht der Analyst.

In der Frühphase gab es Ärger. Remco Evenepoel hatte sich über mangelnde Führungsarbeit beklagt.

Darüber haben wir bewusst nicht gesprochen. Aber ich bin überzeugt: Wenn Florian die Möglichkeit gehabt hätte, seinem Teamkollegen noch mehr zu helfen, hätte er das getan. Wenn es nicht ging, dann ging es eben nicht. Florian ist ein echter Teamplayer. Er möchte es eigentlich immer allen recht machen. Kritik nimmt er sich deshalb schon zu Herzen.

Was trauen Sie ihm zu?

Ich glaube, seine besten Etappen kommen erst noch. Wenn man ihn fahren lässt. Im Internet kursiert ja inzwischen sogar der Hashtag „Free Lipo“. Darüber musste ich schon schmunzeln.

INTERVIEW: PATRICK REICHELT

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