„Ich bereue nichts“, sagt Englands Nationalcoach Thomas Tuchel zur Kritik an ihm. © Collyer/dpa
Tuchel bei einer Taktik-Besprechung. © Rickett/dpa
Atlanta – Der Sturm der Entrüstung traf Thomas Tuchel mit voller Wucht, das schmerzhafte Aus im WM-Halbfinale von Atlanta hatte den englischen Fußball in seinen Grundfesten erschüttert. Fans, Medien und Experten sahen die Hauptschuld für diese historische Schmach beim deutschen Trainer, doch Tuchel stellte sich allen Kritikern nach dem 1:2 gegen Lionel Messis Argentinier entschieden entgegen.
„Ja, ich übernehme die Verantwortung, aber ich bereue absolut nichts. Wir haben eines unserer besten Spiele gespielt, vielleicht sogar das beste. Wenn es nicht gut ausgeht, ist es leicht zu sagen, dass meine Entscheidungen falsch waren“, sagte Tuchel und holte zum Gegenschlag aus: „Nach dem Spiel gibt es Millionen von Hobby-Trainern, die besser wissen, was zu tun ist.“
Doch in den entscheidenden Momenten hatte sich Tuchel schlicht verzockt. „Das ist herzzerreißend. Tuchels Wechsel gehen nach hinten los“, schrieb die Zeitung „Mirror“. Die australische Zeitung „Sydney Morning Herald“ fragte gar: „Was soll er jetzt machen? Wie könnte er als Staatsfeind Nummer eins überhaupt noch nach England zurückkehren?“ Als Anthony Gordon (55.) die Engländer in Führung geschossen hatte, zogen sie sich ohne von außen erkennbaren Grund zurück. Tuchel brachte drei Defensivspieler, wollte die Führung über die Zeit retten – doch England hatte dem immer größeren Druck des Titelverteidigers nichts entgegenzusetzen.
Und so bestraften Enzo Fernández (85.) und Lautaro Martínez (90.+2) die Engländer. „Argentinien bricht Englands Herzen“, titelte der „Guardian“. „Herzschmerz in Atlanta!“, schrieb die „Daily Mail“. Auch nach 60 langen Jahren kehrt England nicht ins WM-Finale zurück, dieses Mal waren die Three Lions ganz nah dran.
Doch am Ende stand eine der schlimmsten Niederlagen in der Geschichte der Engländer, die für immer auch mit dem Namen Thomas Tuchel verknüpft sein wird. Und sie hat das Potenzial, das Vertrauen in den 52-Jährigen nachhaltig zu erschüttern. Tuchel gab sich kämpferisch und wollte davon nichts wissen. Dass nun Kritik aufkomme, sei normal.
„Natürlich geht es weiter mit dem Vertrag bis zur Heim-EM“, sagte Tuchel mit Blick auf die EM 2028: „Und darauf freue ich mich. Auch wenn es im Moment schwierig ist, so weit vorauszuschauen.“ Selbst royale Grüße von Prinz William waren ein schwacher Trost. „Wir sind am Boden zerstört. England, ihr habt alles gegeben – und wir sind alle so stolz auf euch“, schrieb der britische Thronfolger bei Instagram.
Lothar Matthäus wurde bei „Bild“ ebenfalls deutlich: „Ich habe großen Respekt vor Thomas Tuchel, aber er hat sich verzockt!“ England sei besser gewesen – „bis Taktiker Tuchel diesen taktischen Fehler machte. Rice ist wichtig für die Statik. Mit seinen Wechseln hat Tuchel die gesamte Struktur des Spiels verändert und den Argentiniern gezeigt, dass er nur noch defensiv spielen will“, so der Weltmeister von 1990.