Finaler Ausraster: Zinedine Zidane 2006. © wdr
Entscheidung im schlechtesten WM-Finale: Roberto Baggio (Italien) mit Elfmeter-Fehlschuss. © IMAGO/Jack Mikrut / TT /
München – Das beste Finale in der Geschichte der Weltmeisterschaften ist erst gut dreieinhalb Jahre her. Argentinien – Frankreich in Katar hatte alles: ein Team, das von der ersten Minute an das Visier hochklappte (Argentinien), eines, das aus aussichtsloser Position (0:2 zur 80. Minute) das Comeback hinlegte (Frankreich), es gab Verlängerung mit Fast-Entscheidungen auf beiden Seiten, dann noch Elfmeterschießen. 3:3 plus 4:2 – ein Übermaß an Action für ein Finale, so wurde es empfunden. Denn WM-Endspielen haftet(e) der Ruf an, von erschreckender Ereignislosigkeit zu sein.
Das ging zurück auf einige wirklich erschütternde letzte Eindrücke der Turniere: 1994 wurden Brasilien und Italien in der Pasadena Rose Bowl von Los Angeles den Erwartungen nicht gerecht, die man ihnen als multiplen Weltmeisternationen entgegenbrachte: 0:0, dazu italienische Stümperei mit dreimaligem Versagen im Elfmeterschießen. Ebenfalls schrecklich: Spanien – Niederlande 2010 in Johannesburg. Von holländischer Seite eine beispiellose Treterei, das erlösende 1:0 für Spanien fiel erst, kurz bevor es an den Punkt gegangen wäre. Auch die deutschen Finals gegen jeweils Argentinien von 1990 (1:0 durch einen fragwürdigen Strafstoß in Überzahl) und 2014 (1:0 nach zähem Kampf in der Verlängerung) galten nicht als spielerische Erleuchtung. Sie folgten dem klassischen Schema: „Erst mal will keiner einen Fehler machen“, so Stefan Reuter, 1990 am deutschen Titelgewinn beteiligt.
Allerdings: In erstaunlich vielen der bisher 21 Endspiele (1950 gab es kein Finale, sondern eine Finalrunde) passierte früh etwas. 19 Finaltore fielen in den ersten 20 Minuten. Schönes Beispiel: 1954 in Bern. 0:2 lag Deutschland nach acht Minuten hinten, glich aber durch Tore in der 10. und 18. Minute gegen die favorisierten Ungarn aus. Das frühe Hin und Her verblasst in der Retrospektive – die Erinnerung wird geprägt von einem Moment: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen.“ Das tat er in der 84. Minute.
Der Altvorderen-Spruch „Wer 1:0 führt, der stets verliert“, brannte sich durch den Verlauf einiger WM-Endspiele ein. So war das nämlich 1934, 54, 58, 62, 66, 74. Erst ab 1978 herrschte wieder weitgehend Normalität: Es war von Vorteil, in Führung zu gehen.
Acht Endspiele gingen in die Verlängerung, drei sogar ins Elfmeterschießen – wobei auffällt: Seit 2006 war bis auf 2018 (Frankreich – Kroatien 4:2) kein Finale nach 90 Minuten entschieden. Die Fifa gewährt Drama-Zuschlag.
Dabei herrscht an großen Final-Geschichten kein Mangel. Das Wembley-Tor (1966), die Frage, warum Ronaldo 1998 bei Brasiliens 0:3 gegen Frankreich wie ein Geist spielte (weil der wichtigste Werbepartner seinen Einsatz trotz eines gravierenden gesundheitlichen Problems erbat?), der Fehlgriff von Oliver Kahn 2002, der Kopfstoß von Zinedine Zidane 2006 – Finals haben schon was zu bieten.GÜNTER KLEIN