Frieden wahren für den Podestplatz

von Redaktion

Warum Florian Lipowitz es akzeptiert, nur noch Edelhelfer von Remco Evenepoel zu sein

Freundlich gratulieren: Lipowitz (rechts) mit Teamkollege Evenepoel nach dessen Etappensieg. © EtienneGarnier/Witters

Thonon-les-Bains – Florian Lipowitz genoss die fragile Ruhe. Im Dunstkreis des malerischen Genfer Sees konnte der Vorjahresdritte der Tour de France nach strapaziösen Tagen endlich mal wieder die Beine hochlegen. Die Fragen rund um seine Rolle im Team Red Bull-Bora-hansgrohe aber verstummten auch am zweiten Ruhetag der Rundfahrt nicht. Ist Lipowitz noch immer „Co-Kapitän“? Oder wird er in Woche drei zum Edelhelfer für seinen prominenten Teamkollegen Remco Evenepoel?

Seit Sonntag spricht einiges für Option B. Ja, es sei wahrscheinlich, „dass es darauf hinauslaufen wird“, sagte Lipowitz nach der Bergankunft auf dem Plateau de Solaison beim ersten großen Alpen-Showdown der Tour. Dort, wo ihm Evenepoel überraschend 58 Sekunden abgenommen und wo der Belgier noch überraschender die Etappe vor Tadej Pogacar gewonnen hatte.

„Ich bin offen für alles. Remco hat gezeigt, dass er ganz vorne mitfahren kann“, sagte Lipowitz also im Nachgang, und: „Ich bin dann auch happy, ihm dabei zu helfen.“ Kommuniziert wird der Strategie-Wechsel im Raublinger Rennstall noch nicht. Zumindest offiziell. „Wir bleiben beim Zwei-Leader-Ansatz“, sagte Sportchef Zak Dempster, der diese Marschroute vor Beginn der Rundfahrt ausgerufen hatte. Und auch Evenepoel hielt sich mit Forderungen zurück. Doch das dürfte sich bald ändern.

Schließlich hat der Belgier die Zweifel an seiner Leistungsfähigkeit am Berg eindrucksvoll ausgeräumt, während Lipowitz nicht ganz an die Form aus dem Vorjahr herankommt. Evenepoel liegt nun als Zweitplatzierter, sozusagen als Bester aller Irdischen, hinter dem unantastbaren Pogacar, 1:48 Minuten vor dem Fünften Lipowitz in der Gesamtwertung – und er wird seinen Vorsprung am Dienstag wohl weiter ausbauen. Dann nämlich geht der Weltmeister und Olympiasieger als hoher Favorit ins 26,1 km lange Zeitfahren am Rande des Genfer Sees.

Dass der friedliebende Lipowitz auch eine neue Rolle ohne Murren annehmen würde, darf als gesichert gelten. Andersherum, und auch das gehört zur Wahrheit im fragilen Teamgebilde von Red Bull, wäre das nur schwer vorstellbar. Gleich zu Beginn der Tour fiel Evenepoel seinem Teamkollegen im Gespräch mit belgischen Medienvertretern verbal in den Rücken – Lipowitz habe ihn nicht ausreichend im Zielsprint unterstützt. Doch der Deutsche, der am Sonntag mehrfach seine Freude über den Etappensieg des Belgiers betonte, hegt offenbar keinen Groll.

Vielleicht auch deshalb, weil Lipowitz in einer veränderten Rolle noch immer die Chance auf einen zweiten Podestplatz bei seiner zweiten Tour-Teilnahme hätte. Sein Rückstand auf Rang drei beträgt nur 50 Sekunden. Die langen Anstiege in den Alpen auf den verbleibenden drei Bergetappen liegen ihm. Und dann ist da ja auch noch das bittere Aus des Mannes, der Platz zwei hinter Pogacar gepachtet hatte: Jonas Vingegaard.

„Natürlich ist es sehr enttäuschend für uns, auf diese Weise auszuscheiden und dass die Tour so endet“, sagte der zweimalige Tour-Gewinner nach seinem folgenschweren Sturz. Dann trat er mit einem gebrochenen Schlüsselbein die Heimreise an.SID

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