„60 ist für uns ein Sechser im Lotto“

von Redaktion

BFV-Präsident Christoph Kern über die Rolle der Löwen in der Regionalliga Bayern

Christoph Kern ist seit über vier Jahren Präsident des Bayerischen Fußballverbands. © Marcus Schlaf

Treffen beim BFV: Kern im Gespräch mit unserem Redakteur Uli Kellner. © Marcus Schlaf

Auf dem Land statt in den großen Stadien: Der TSV 1860 spielt in dieser Saison in der Regionalliga. © Wagner/Imago

München – Der TSV 1860 ist wieder im bayerischen Amateurfußball angekommen. An diesem Donnerstag startet die Regionalliga Bayern in ihre neue Saison – und plötzlich steht eine Spielklasse im Rampenlicht, der manch einer zuletzt bundesweit sogar die Existenzberechtigung absprechen wollte. BFV-Präsident Dr. Christoph Kern (43) spricht im großen Interview über das „lachende und weinende Auge“, volle Stadien, die Zulassung der Löwen, seine Nulltoleranz bei Pyrotechnik und eine mögliche Neuordnung des deutschen Ligensystems.

Herr Dr. Kern, Hand aufs Herz: Als feststand, dass der TSV 1860 künftig Regionalliga spielt – haben Sie sich gefreut oder innerlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen?

Teils, teils. So ehrlich muss man sein. Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das weinende Auge, weil wir mit 1860 einen Traditionsverein im Profibereich verloren haben, der eigentlich mindestens in die 3. Liga gehört – das schmerzt genauso wie der Schweinfurter Abstieg. Das lachende, weil wir jetzt noch deutlicher zeigen können, welche Attraktivität unsere Regionalliga besitzt.

Ist 1860 für die Liga ein Glücksfall?

Natürlich. Die Löwen sind für unsere Regionalliga so etwas wie ein Sechser im Lotto. Sie bringen zusätzlich mediale Aufmerksamkeit, Zuschauer und Emotionen. Das zahlt auf die gesamte Liga ein.

Viele Regionalligisten sprechen ebenfalls von einem Sechser im Lotto. Statt 500 Zuschauern könnten gegen 1860 plötzlich 5000 oder mehr kommen. Überwiegt Freude oder Stress?

Beides. Die Vereine freuen sich riesig auf dieses Spiel. Gleichzeitig bringt es organisatorische Herausforderungen mit sich – Sicherheit, Parkplätze, Fanströme oder die Abstimmung mit der Polizei. Aber nach unserer Managertagung überwiegt ganz klar die Vorfreude auf Fußballfeste – so, wie wir sie in der Saison 2017/18 schon einmal hatten.

Besonders groß ist die Sorge vor Pyrotechnik. Welche Botschaft haben Sie den Vereinen mitgegeben?

Eine glasklare: Beim BFV gilt die Nulltoleranz-Politik. Ich bin nicht bereit, für einzelne Idioten den Kopf hinzuhalten, die andere gefährden. Wenn ein Spiel wegen Pyrotechnik oder anderem Zuschauerfehlverhalten länger als fünf Minuten unterbrochen werden muss, sieht unsere Spielordnung zwingend einen Punktabzug vor. Wir haben bereits gezeigt, dass wir solche Sanktionen verhängen.

Warum gehen Sie strenger vor als der DFB?

Weil die Voraussetzungen völlig andere sind. In Arenen wie in Dortmund oder München stehen jede Menge Feuerwehr, Sanitäter und Polizei bereit. In Buchbach oder Vilzing sieht das ganz anders aus. Auf unseren Plätzen geht es in der Regel deutlich enger zu. Deshalb tragen wir eine andere Verantwortung für alle Besucherinnen und Besucher.

Hat Sie der Absturz des TSV 1860 eigentlich überrascht?

Nein. Ich bin jetzt im fünften Jahr Präsident des BFV – und in dieser Zeit war die Situation bei 1860 eigentlich immer wieder Thema. Irgendwann war aus meiner Sicht mit einem Crash zu rechnen. Wie genau er aussehen würde, konnte natürlich niemand wissen. Wir haben danach unterstützt und waren Ansprechpartner, wenn Fragen aufkamen.

Mussten Sie die Löwen zwischendurch auch einmal ermahnen?

Nein. Präsident Gernot Mang hat den Verband jederzeit offen informiert. Ich habe praktisch nichts aus der Zeitung erfahren, was ich nicht vorher schon wusste. Die Kommunikation war vertrauensvoll.

Welche Rolle spielen e.V., KGaA und Spielbetriebs-GmbH für den BFV?

Eine entscheidende. Unser Vertragspartner ist immer der eingetragene Verein. Wir lassen ausschließlich e.V.s zu. Das sind unsere Mitglieder. Wenn die KGaA den Antrag gestellt hätte, hätten wir sie nicht zugelassen. Unsere Satzung sieht das nicht vor.

Welche Rolle spielt dann die neue Spielbetriebs-GmbH?

Sie regelt das Innenverhältnis. Der e.V. kann den Spielbetrieb auf eine Gesellschaft übertragen. Entscheidend ist aber: Vertragspartner des BFV bleibt immer der e.V. Das schafft für uns die nötige Sicherheit.

Momentan bestückt die Spielbetriebs-GmbH Bayern- und Regionalliga aus einem gemeinsamen Kader von ungefähr 30 Spielern. Funktioniert das dauerhaft überhaupt?

Nein, jedenfalls nicht, wenn dieselben Spieler dauerhaft in beiden Ligen eingesetzt werden sollen. Dafür gibt es klare Regularien. Am Anfang ist das noch einfacher, weil die Regionalliga noch nicht begonnen hat. Im Saisonverlauf greifen aber die Festspielregelungen und Sperren.

Die Regionalliga gilt als Nadelöhr zwischen Amateur- und Profifußball. Ist das System mit fünf Regionalligen überhaupt noch zeitgemäß?

Ich halte es sogar für zeitgemäßer denn je. Deutschland ist ein großes Fußballland mit über acht Millionen Mitgliedern. Eine vierte Liga braucht aus meiner Sicht fünf Staffeln. Alles andere würde das Nadelöhr nur noch enger machen.

Viele fordern dagegen nur vier Regionalligen.

Ich glaube, wir diskutieren über das falsche Problem. Natürlich muss die Aufstiegsfrage gelöst werden. Aber wir dürfen nicht vergessen, warum wir dieses System überhaupt haben. Wir brauchen mehr Spielmöglichkeiten für junge Spieler. Das ist die eigentliche Herausforderung. Wenn wir nur an der Zahl der Regionalligen herumdoktern, lösen wir dieses Problem nicht.

Sie können sich also auch eine Reform der 3. Liga vorstellen?

Man muss alle Modelle offen diskutieren. Ob eine 22er-Liga oder irgendwann sogar eine zweigleisige 3. Liga – entscheidend ist, dass wir den Nachwuchs nicht aus den Augen verlieren.

Welchen Rat würden Sie Präsident Gernot Mang für die kommenden Monate geben?

Gelassen bleiben.

Das klingt einfach.

Ist es vielleicht auch. Professionell weiterarbeiten, Ruhe bewahren und sich nicht von jeder Diskussion treiben lassen. Alles Weitere entscheidet sich auf dem Platz. Mein Eindruck ist: Mang dreht an den richtigen Stellschrauben. Und – Achtung nicht ernst gemeint – mittlerweile dürfte ihn ja auch Herbert Hainer kennen (lacht).

INTERVIEW: ULI KELLNER

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