„Ab 80 Metern wird die Luft dünn“

von Redaktion

Hammerwerfer Hummel über Druck, Technik und seinen Wechsel nach Frankfurt

Neue Trainerin: Ex-Athletin Kathrin Klaas. © privat

Mit Hammer-Primus Ethan Katzberg. © IMAGO/CHAI

Mit seinem Wechsel weg aus München ging Merlin Hummel ins Risiko – bisher hat es der Vize-Weltmeister nicht bereut. © Kohring/Imago

Für Merlin Hummel war das Jahr 2025 wie eine Achterbahnfahrt. Bei der Weltmeisterschaft gewann der Hammerwerfer Silber, und trennte sich einige Monate später trotz des Karriere-Höhepunktes nach zehn Jahren Zusammenarbeit von seinem Trainer Martin Ständner. Auch die LG Stadtwerke München verließ Hummel und tritt mittlerweile für Eintracht Frankfurt an. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der 24-Jährige über Dominator Ethan Katzberg, die Trennung mit vielen Nebengeräuschen und mentalen Druck.

Herr Hummel, 81,74 Meter in Budapest, die zweitbeste Weite Ihrer Karriere. Körper und Kopf scheinen pünktlich vor den Höhepunkten wieder voll da zu sein.

Budapest hat sehr viel Spaß gemacht. Es hatte sich im Training schon abgezeichnet, dass wieder etwas kommt. Das ist auch schön für den Kopf. Aufgrund der vergangenen Wettkämpfe, die nicht so gut liefen, habe ich mir schon Gedanken gemacht, ob mir die mentale Lockerheit fehlt. Die Erwartungshaltung ist natürlich gestiegen. Aber die Stabilität im Wettkampf hängt von der Stabilität im Training ab, das ist der größte Fisch im Becken.

In Budapest hat nur ein gewisser Ethan Katzberg weiter als Sie geworfen, wie schon bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr …

Manchmal denke ich mir spaßeshalber: Jetzt ist der schon wieder bei dem Wettkampf. Aber der Hammerwurf hat so sehr von diesem Typen profitiert, seit er aufgetaucht ist mit seinen riesigen Weiten. Das war für alle ein Aufwachen: Es geht auch Richtung 85 Meter. Das Feld wird jedes Jahr stärker. Von Katzberg kann ich unfassbar viel lernen und ich komme super mit ihm klar. Er wirft in seiner eigenen Liga.

Was macht ihn so stark?

Er hat eine unfassbare Konstanz auf diesem Niveau, macht biomechanisch sehr viel richtig. Das war auch der Grund, warum ich zu meiner neuen Trainerin gewechselt bin. Ab 80 Metern wird die Luft dünn, da kommt es auch auf Feinheiten an. Ich möchte an diese technischen Details, die Katzberg schon perfektioniert hat, ran. Effizienzgewinn ist da ein Schlüsselwort. Den Körper in eine bessere Position bringen, um die Kraft maximal auszunutzen. Bei Kniebeugen, Reißen, was immer man auch messen will, bin ich ihm haushoch überlegen. Aber er wirft das blöde Ding trotzdem weiter (lacht). Er bringt seinen Körper häufiger in bessere Positionen, hat eine bessere Rekrutierung seiner Muskeln und beschleunigt effizienter.

Sie sind in jungen Jahren Vizeweltmeister geworden und werden als Hoffnungsträger in der deutschen Leichtathletik angesehen, die international nur wenige Medaillenkandidaten hat. Hat das etwas für Sie verändert?

Ich wollte mir das am Anfang nicht so eingestehen. Ich habe mir gedacht: Ich bin mental so souverän, dass ich damit umgehen kann. Dieses Jahr hatte ich zudem eine doppelte Belastung. Ich wollte mir beweisen, dass der Wechsel nach diesem Höhepunkt der richtige war. Ich habe den richtigen Weg gefunden, damit umzugehen. Der meiste Druck kommt ohnehin immer von einem selbst.

Die Trennung von Ihrem ehemaligen Trainer Martin Ständner geschah nicht ohne Nebengeräusche. Als „menschlich eine Riesenenttäuschung“ bezeichnete er den Vorgang. Konnten Sie das schnell abhaken nach jahrelanger Zusammenarbeit?

Es ist natürlich schade, dass es so schlecht auseinandergegangen ist. Bedauerlich ist auch, dass der mediale Umgang mit der Trennung nicht gleich professionell gehandhabt wurde. Die Trennung erfolgte nicht nur aus persönlichen, sondern eben auch aus sachlichen Gründen. Ich habe hier wirklich von Sekunde eins an gemerkt, dass der Wechsel die richtige Entscheidung war.

Was hat sich geändert?

Wir erheben super viele Daten. Das ist mir als technologieaffinem Menschen wichtig. Die Planung erfolgt nicht mehr nach Gefühl. Wie setze ich die Reize so, dass beim Saisonhöhepunkt auch die beste Leistung herauskommt? Das Trainingssystem ist variabler. Wenn ich mal einen Pressetermin habe oder zwei Tage krank bin, ist das kein Beinbruch. Der Fokus liegt darauf, mich besser zur Hammerbahn zu positionieren. Wo vorher Automatismen waren, wird jetzt viel bewusster gedacht. Der Ansatz ist empirisch, es gibt ein ganz anderes Miteinander. Bei einer ehemaligen Athletin als Trainerin (Kathrin Klaas, Anm. d. Red.) gibt es mehr Empathie, mehr Verständnis.

Nun stehen die Deutschen Meisterschaften an. Ein besonderer Wettkampf?

Ich weiß, was für eine großartige Stimmung in diesem Stadion herrschen kann. Ich freue mich riesig. Erst recht, nachdem ich wieder bewiesen habe, was ich draufhabe. Bei nationalen Wettkämpfen ist die Atmosphäre immer besonders. Es ist die Generalprobe vor der EM, ich bin bereit!

INTERVIEW: NICO-MARIUS SCHMITZ

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