Gerd Osenberg mit Heike Henkel. © imago
München – Was für ein guter Trainer Gerd Osenberg war, davon konnte Ulrike Nasse-Meyfarth Zeugnis ablegen. Osenberg, nun 89-jährig verstorben, rettete ihre Karriere.
Meyfarth war die Olympia-Sensation von 1972. Hochsprung-Gold und Weltrekord (1,92 Meter) mit 16. Danach: Sinnkrise, Leistungstief. Bei den Spielen 1976 in Montreal riss sie in der Qualifikation dreimal die 1,80 Meter.
Sie trennte sich von ihrem Trainer Günter Janietz – und wandte sich an Gerd Osenberg. Ob er sie trainieren würde? Sie wusste: „Er war kein Spezialist für Hochsprung.“ Aber: Osenberg arbeitete sich ein. Ein stiller Mensch, der viel nachdachte, tüftelte und notfalls etwas erfand. Wie den „Sprungtisch“. Ein bis zu 2,20 Meter hohes Ungetüm, das er mit Matten abpolsterte. Ulrike Meyfarth sollte es anspringen, um sich mit Höhen vertraut zu machen, die sie noch nie erreicht hatte. Die Methode funktionierte. Sie steigerte sich bis auf 2,03 Meter, und aus der jüngsten wurde die älteste Hochsprung-Olympiasiegerin: Gold 1984 in Los Angeles.
Gerd Osenberg war der große Universalist der Leichtathletik. Längst hat die Spezialisierung Einzug gehalten, es gibt Bundestrainer für die verschiedenen Kategorien: Sprung, Wurf, Sprint, Langstrecke, Mehrkampf. Osenberg konnte alles lehren. Er hatte Mathematik und Physik studiert, er wusste, wie Kräfte wirken, wie Hebel eingesetzt werden müssen. Selbst ein Stabhochspringer weitab der Spitze gewesen (Bestleistung 3,94 Meter), führte er die Diskuswerferin Liesel Westermann in den 60er-Jahren zum Weltrekord. Er war der Trainer von Heide Rosendahl, dem deutschen Leichtathletik-Star (Weitsprung, Fünfkampf, Hürden, Sprint). Zu seinen Schützlingen gehörte die Mittel- und Langstrecklerin Ellen Tittel (später Wellmann und Wessinghage), die 400-Meter-Spezialistin Rita Wilden. mit Ingrid Adam sogar eine Geherin. Sein mit Ulrike Meyfarth generiertes Hochsprung-Knowhow gab er an die Generation nach ihr weiter: Heike Henkel wurde Olympiasiegerin 1996.
Gerd Osenberg konnte gut mit Sportlerinnen. Die Zuständigkeit ergab sich dadurch, dass, als er in Leverkusen anfing, die Herren-Stelle besetzt war. Seine Erfolge führte er darauf zurück, dass zu seiner Zeit „Frauensport noch nicht ausgereizt war“. Doch kam seine besonnene Art auch ganz gut an. Er ließ Freiräume zu, „er war immer darauf bedacht, dass wir nicht anhängig, sondern selbständig sind“, so Heide Ecker-Rosendahl, die 1972 entschied, den Rummel der ersten Olympia-Tage in München zu meiden und sich in Leverkusen auf ihre Wettkämpfe vorzubereiten. Lohn: zweimal Gold, einmal Silber. Es waren auch Osenbergs Medaillen.GÜNTER KLEIN