2017: Vetter wird in London Weltmeister. © ISAKOVIC/AFP
„Ich kann die Schulter nicht ansteuern“: Auf seinem Instagram-Kanal (@johannes_vetter) verkündete Vetter seine DM-Absage. © Kohring/Imago
München – Die Speerwurf-Entscheidung bei der Deutschen Meisterschaft am Wochenende in Bochum-Wattenscheid wird Johannes Vetter nicht live verfolgen. Weil der Ex-Weltmeister seine Teilnahme kurzfristig absagen und den nächsten Comeback-Versuch verstreichen lassen musste, hat er anderes zu tun. „So kann ich auf die Hochzeit meines besten Freundes gehen“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung – das sich vor allem darum dreht, in schlechten Zeiten Positives zu sehen.
Herr Vetter, wie steht es um Ihre Gefühlswelt, so kurz, nachdem Sie Ihren Start bei den Deutschen Meisterschaften absagen mussten?
Solche Entscheidungen zu treffen, ist hart – sich einzugestehen, dass die Leistungen momentan nicht ausreichen, um einen soliden Wettkampf nach meinen Vorstellungen durchzuziehen. Es ist aktuell wieder eine schwierige Zeit, aber mir wird nicht langweilig im Alltag. Ich gehe nicht unglücklich durchs Leben!
Ein Learning aus den letzten Jahren?
Man baut eine gewisse Resilienz auf, das schon. Schwierig wird es für mich an den Stellen, an denen ich eine Gleichgültigkeit feststelle, nach dem Motto: „Ist ja nichts Neues!“ Da muss ich aufpassen, dass ich es emotional nicht zu weit von mir wegschiebe.
Wie war die Entscheidungsfindung denn dieses Mal?
Ich war im Winter sehr optimistisch, weil ich knapp 79 Meter geworfen habe. Die Norm für die EM liegt bei 82,50 Meter, das war nicht außer Reichweite. Aber weil der Körper in den letzten Jahren stark gelitten hat, habe ich vergebens auf Fortschritt gewartet. Normalerweise gehst du im Leistungssport einen Schritt zurück, um zwei vorzugehen. Aber in den letzten Wochen waren es eher zwei Schritte nach hinten und dann nur einer nach vorne.
Was hemmt Sie?
Ich bin eigentlich in der Schulter schmerzfrei, aber es sieht technisch so aus, als habe der Körper eine Schutzhaltung eingenommen. Ich kann sie nicht richtig ansteuern, finde aber keinen Grund.
Viele würden längst den Kopf in den Sand stecken. Kann Sie noch etwas umhauen?
Nach außen kann ich immer den coolen Macker abgeben (lacht). Aber der Umgang mit Tiefschlägen ist schon auch ein Reifeprozess. Das Schöne ist ja, dass wir Menschen nicht nur anpassungsfähig sind, sondern auch lerngierig und willig, uns weiterzuentwickeln. Genauso weiß ich, dass der Leistungssport nur ein Teil des Lebens ist, den ich nicht bis zur Rente machen kann. Der Sport hat mir so viel ermöglicht, ich baue mir gerade ein Haus, mit 33! Ich komme aus einem DDR-Plattenbau. Das ist ein riesengroßes Luxusgut! Ich sehe immer das Positive.
Was treibt Sie noch an?
In den letzten zwei Jahren nach meiner Ellenbogen-OP war es der Reiz, meine körperliche Grenze zu sehen. Die Frage: Was steckt in einem Johannes Vetter? Ist der in der Lage, 80 Meter zu werfen? Habe ich 2015 abgehakt. Ist der in der Lage, eine Medaille zu holen? 2017 geschafft. Deutscher Rekord? Zweimal geschafft. Weltrekord? Fast geschafft. So denke ich, deshalb bin ich im Training auch schon immer auf 100 Prozent gelaufen. Hätte ich alles nur auf 85 Prozent gemacht, hätte ich vielleicht länger durchgehalten – aber dann hätte ich niemals 90 Meter geworfen. So ist es mir 28 Mal gelungen.
Gelingt es ein 29. Mal?
Das ist momentan viel zu weit weg. Nach vier, fünf Jahren Verletzungen stellt sich eher die Frage: Reicht es körperlich und mental noch, international konkurrenzfähig zu sein? Wenn das nicht mehr der Fall ist, habe ich auch die Förderung nicht mehr verdient. Da muss man ehrlich sein und auch wissen: Diese Reise ist irgendwann mal vorbei.
Irgendwann heißt am Ende des Olympiazyklus‘?
Oder vorher. Das halte ich mir offen. Vielleicht tut sich irgendeine andere Tür auf, durch die ich durchgehe.
Wäre 33 denn ein gutes Speerwurfalter?
Es gab Athleten, die mit über 40 noch internationale Medaillen geholt haben. Mein Körper sagt eher: „Boah, Vetter, du hast mir schon viel zugemutet.“ Diesen Kampf kann man eigentlich nicht gewinnen. Zumal der Kopf irgendwann einsteigt.
Es gibt aber auch positive Beispiele. Fabian Hambüchen hatte 2016 in Rio sein Happy End.
Ich warte seit fünf Jahren auf das Happy End, bisher hat es sich nicht eingestellt. Glauben Sie mir: Ich würde es direkt nehmen! Aber wenn es nicht kommt, wird mir das Leben neben dem Sport viele Happy Ends bieten.
Im Sport oder in der Politik?
Politik macht mir viel Spaß, aber ich dränge mich da niemandem auf. Im Sport habe ich eine enorme Expertise – wenn ich jemand anderen pushen kann, gerne. Ich werde immer vernarrt in den Sport bleiben. Positiv verrückt.
Expertise ist gerne genommen: Es gab schon glorreichere Zeiten im deutschen Speerwurf.
Gott sei Dank haben wir in Julian Weber noch einen Mann, der auf Topniveau wirft. Aber drei, vier, fünf Leute mit 85 Metern im Arm gibt es nicht mehr. Wir waren eine goldene Generation, das kann es wieder geben. Aber wenn ich die jungen Leute sehe, stelle ich mir oft die Frage nach der Prioritätensetzung.
Eine Generationenfrage?
Ich sehe bei zu wenigen den Willen, gnadenlos zu ihrem Körper zu sein. Wir spielen kein Unterwasser-Halma, sondern werfen Speer! Wer nicht die Arschbacken zusammenkneift, schafft es nicht. Das ist übrigens bei der deutschen Fußballnationalmannschaft dasselbe.
INTERVIEW: HANNA RAIF