Die Anfänge: Klopp 2004 als Mainz-Coach.
TV-Experte, Werbegesicht, Vereinstrainer und zuletzt Red-Bull-Boss: Jetzt soll Jürgen Klopp neuer Fußball-Bundestrainer werden. © VOLCOV, Hoffmann/Imago
München – Jürgen Klopp (59), der heute als Bundestrainer vorgestellt wird, ist einer der bekanntesten Deutschen. Ein vertrautes Gesicht seit zwanzig Jahren. Beliebt, aber einer, der auch Kontroversen befeuert. Fragen und Antworten zur großen Figur Jürgen Klopp.
Ist Klopp der geborene Trainer?
Er hatte es nicht im Sinn, Trainer zu werden. Er war ein solider Zweitligaspieler bei Mainz 05, als er 2001 zu seiner eigenen Überraschung gebeten wurde, die Mannschaft zu übernehmen. Der Club hatte sich gerade von Trainer Eckhard Krautzun getrennt (der vierte Rauswurf eines Verantwortlichen in einem Jahr), Spieler Klopp war verletzt, aber in der Mannschaft anerkannt, außerdem hatte er Sportwissenschaften studiert und war mit 33 schon in einem Alter, in dem das Ende der Spielerzeit absehbar war.
Wer hat Klopp beeinflusst?
Genannt wird da immer Wolfgang Frank, sein früherer Trainer (2013 verstorben). Der frühere Stürmer Frank hatte als Trainer viele Stationen, wurde oft entlassen – gleichwohl galt er als stilprägend, weil er als einer der Ersten in Deutschland in den 90er-Jahren Entwicklungen wie Raumdeckung und Viererkette erkannte und einführte. Als Wolfgang Frank Mainz coachte (1998 bis 2000), war Jürgen Klopp sein wichtigster Spieler.
Welchen Fußball lässt Klopp spielen?
Sein Assistent zu Liverpooler Zeiten, Pep Lijnders, beschrieb es sogar in einem Buch über eine LFC-Saison mit Klopp: Die Spielart besteht darin, den Gegner in jeder Phase unter Druck zu setzen, zu stressen. Klopp bevorzugt schnelle Spieler, die Teams von Dortmund und Liverpool hat er nach diesem Kriterium umgebaut, die Erfolge stellten sich nach einer längeren Anlaufzeit ein. Diese energieintensive Spielweise beschert großartige Spektakel (wie 2019 ein 4:0 in der Champions League gegen den FC Barcelona nach einem 0:3 im Hinspiel), kann in einen Kader allerdings auch personelle Schneisen schlagen. Klopp-Teams hatten immer einen hohen Verletztenstand. Nach einigen Jahren stellt sich Stagnation ein, die Teams wirken ausgebrannt.
Ist Klopp ein Erfolgsgarant?
Jein. Er hat natürlich einige Titelgewinne vorzuweisen als Trainer. Mit Borussia Dortmund wurde er Meister 2011 und 12, da kam auch noch der DFB-Pokal dazu. Als Coach des FC Liverpool beendete er 2020 eine dreißigjährige Durststrecke in der englischen Liga. Bereits 2019 hatte er mit den „Reds“ die Champions League gewonnen. Erfolge, die nicht über Titel zu definieren sind: Mit Mainz 05 stieg er 2004 in die Bundesliga auf.
Allerdings gehört auch das Scheitern zu Klopps Trainerkarriere: Mit Mainz musste er 2003 am letzten Zweitliga-Spieltag den Aufstiegsplatz räumen und ein weiteres Jahr im Unterhaus bleiben. Nach drei Jahren Bundesliga stieg er mit dem FSV 05 ab – und nicht wieder auf. 2008 verließ er Mainz als Zweitliga-Trainer. Lange haftete Klopp auch der Ruf an, Finalspiele nicht gewinnen zu können (abgesehen vom DFB-Pokal-Endspiel 2012 mit Dortmund gegen den FC Bayern). Auf der negativen Seite standen: Champions-League-Finale 2013 mit dem BVB in London gegen die Bayern (der Robben-Moment), DFB-Pokalfinale 2014 (abermals gegen die Münchner) und 2015 gegen Wolfsburg, Europa-League-Endspiel in der ersten Liverpool-Saison (2016 in Basel gegen FC Sevilla), Champions-League-Finale 2018 (mit einem angeknockten Torwart Loris Karius) gegen Real Madrid.
Schmucklos verlief das Ende in Dortmund. In der Saison 2014/15 stand der BVB zum Ende der Hinrunde auf Platz 18. Klopp gab daraufhin bekannt, dass er zum Saisonende aufhören würde. Borussia wurde dann noch Siebter.
Woher kommt Klopps Beliebtheit?
Bis zur WM 2006 war Klopp ein mittelbekannter Bundesliga-Trainer bei einem kleinen Club (Mainz). Bundesweit bekannt machte ihn sein Experten-Job beim ZDF (wie jetzt bei Magenta TV an der Seite von Johannes B. Kerner). Klopp war unkonventionell, locker, ein guter Erklärer. Er glaubt, seine Telegenität habe Vereine wie den BVB auf ihn aufmerksam gemacht. Im Ruhrgebiet wurde der gebürtige Stuttgarter als „einer von uns“ wahrgenommen, auf seiner Kappe stand „Pöhler“ – ein Bekenntnis zur Lust am Fußball. In Liverpool erlangte er unfassbare Popularität – wegen der Erfolge und der Interaktion mit den Fans.
Für wen hat Klopp schon geworben?
25 Werbeverträge listet das Fußballkulturmagazin 11 Freunde auf. Den ersten Kontrakt holte sich Klopp als Mainz-Trainer eigeninitiativ: Er wurde bei Nike vorstellig. „Ich wollte nur die Klamotten, kein Geld.“ Mittlerweile hat er die ganze Palette durch (Puma, Adidas) – und für die kuriosesten Dinge geworben: Zwieback, Tapetenkleister, Reiseportal. Klopp gilt als wenig wählerisch. Einmal allerdings hat er von sich aus eine PR-Partnerschaft beendet – mit dem Versicherungsunternehmen Ergo, nachdem publik geworden war, dass der Konzern im Budapest Sex-Partys mit Prostituierten gefeiert hatte.
Wo steht Klopp politisch?
Er selbst definiert sich als tendenziell eher links, als sozialdemokratisch, ohne der SPD anzugehören. Er positionierte sich gegen steuerliche Vergünstigungen für Spitzenverdiener. Kloppo, einer aus dem Volk – das war die Botschaft. Dass er mit Red Bull anbandelte, dessen (verstorbener) Gründer Didi Mateschitz auf einer mindestens rechtskonservativen Seite zu verorten ist, hat viele, die sich mit Klopp identifizierten, verstört.
Warum sieht Klopp heute anders aus?
Es gibt Aufnahmen, auf denen Klopp zähnefletschend einen vierten Offiziellen zur Rede stellt, und sein Haar war früher lichter – bei seinem Äußeren hat er nachgeholfen. Jürgen Klopp war einer der ersten Promis, die sich zu einer Haartransplantation bekannten (2013). Das Mundbild verschönerte 2017 ein englischer Star-Dentist mit dem Einsatz von Keramik. Über das Klavier im Mund des Trainers werden seitdem Witze gerissen. Als Topverdiener konnte Klopp sich die ästhetischen Eingriffe natürlich leisten. Mehrmals hat er aber betont, lediglich gesetzlich krankenversichert zu sein.
Wie ist Klopps Umgang mit Journalisten?
Mal so, mal so. Mit Arnd Zeigler, dem bekannten TV- und Radio-Humoristen, ließ er sich 2010 auf ein satirisches Interview ein, dass Klopps Ruf begründete, Spaß zu verstehen und die Medienwelt auch persiflieren zu können. Jedoch gibt es auch genügend Szenen, in denen der kommende Bundestrainer mit der Presse unfreundlich umging. Einen um ein Rundfunkinterview ersuchenden Radio-Reporter nannte er „Seuchenvogel“, einen forschen Fragesteller in einer Dortmunder Pressekonferenz konterte er: „Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Sind Sie Tierfilmer?“ Das ZDF-Studio verließ er mal (2014), als Moderator Jochen Breyer ihn nach einer klaren BVB-Niederlage mit „Das Ding ist durch, oder?“ anpikste. Zur unangenehmen Seite Klopps zählt auch, dass er die von der Uefa eingesetzten Simultandolmetscher belehrte und vorführte. „The Normal One“ ist bisweilen schon sehr speziell.
War Klopp bei Red Bull erfolgreich?
Das ist schwer messbar, weil eine Tätigkeit als „Global Head of Soccer“ eine strategische und langfristige sein sollte. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass in den eineinhalb Jahren seines Wirkens die führenden Clubs des Konzerns schlecht performten. In Leipzig herrschte auf der Trainerstelle ein Kommen und Gehen (Marco Rose, Zsolt Löw, Ole Werner, Martin Demichelis), auch in Salzburg gab es personelle Turbulenzen, nur Platz drei in der österreichischen Liga und den Absturz in die Europa League. Allgemeiner Tenor: Klopp ist Trainer – und nicht ein Werbegesicht, das auf der Tribüne zwischen Oliver Mintzlaff (Chef vom Ganzen) und Mario Gomez (Technischer Direktor) platziert wird.GÜNTER KLEIN