Offener Typ: Mit seiner Art hat Ortivero Calderon das Zeug zum Fanliebling. © IMAGO
Kopfballungeheuer: Ortivero Calderon trifft aber auch mit rechts, mit links, und vor allem – er trifft immer. © IMAGO
München – Niederlechner? Im Totopokal der erste Torschütze der neuen Löwen. Noah Klose? Spannendes Sturmtalent mit Weltmeister-Genen. Althaus, Erdogan, Husic? Drittligaerfahrene Offensivkräfte, die wissen, wo das Tor steht. Doch einer hat sie in dieser Sommervorbereitung alle in den Schatten gestellt: Arian Ortivero Calderon. Zehn Treffer in sieben Einsätzen – verteilt auf Testspiele, Bayernliga und Totopokal, darunter zwei Hattricks. Ein Junglöwe erobert die Herzen der 1860-Fans im Sturm. Dabei war der 18-Jährige bis vor Kurzem… Innenverteidiger.
Der Schlüsselmoment trägt ein Datum: 27. November 2024. Türkgücüs U 19 liegt gegen Deisenhofen 0:2 zurück. Trainer Alper Kayabunar wagt einen speziellen Move und beordert Calderon, den Ex-Deisenhofener, nach vorne. Eine Verzweiflungstat? Vielleicht. Vor allem aber eine Eingebung. Der damals 17-Jährige erzielt nach der Pause drei Tore, Türkgücü rettet noch ein 4:4. Der Stürmer Arian Ortivero Calderon ist geboren.
Dass diese Geschichte nun bei 1860 ihre Fortsetzung findet, ist kein Zufall. Denn der Mann, der damals den Abwehrspieler zum Torjäger machte, heißt wieder Alper Kayabunar. Der neue Löwen-Coach vertraut seinem ehemaligen Schützling – und wird bislang eindrucksvoll bestätigt. Calderon trifft mit rechts, mit links, mit dem Kopf. Vor allem aber trifft er fast in jedem Spiel. Dabei liegt seine Umschulung zum Stürmer noch nicht lange zurück.
Der Truderinger bringt vieles mit, was moderne Angreifer auszeichnet. Calderon misst hünenhafte 1,95 Meter, ist trotz seiner Größe aber schnell, beweglich, technisch stark. Früher machte er auch als Leichtathlet auf sich aufmerksam, im Frühjahr legte er am Michaeli-Gymnasium sein Abitur ab (Biologie, 15 Punkte!), Anfang Juli war er noch auf Abifahrt, verpasste deswegen das Trainingslager in Bad Füssing. Heute kämpft er um einen Stammplatz in der Regionalliga.
Seinen Weg begann Calderon bei Türkgücü, ehe er in der vergangenen Saison für die U 19 des TSV 1860 spielte – unter Jonas Schittenhelm meist in der Innenverteidigung. Kayabunar dagegen sieht in ihm längst den Stürmer. Und zwar einen ganz besonderen. Ein Wandspieler, der Bälle festmacht, aber auch selber Aktionen initiiert – ein Spielertyp, den es im deutschen Fußball immer seltener gibt. Natürlich muss sich der Teenager noch an die Robustheit des Herrenbereichs gewöhnen. Doch sein Entwicklungspotenzial ist enorm. Nach Informationen unserer Zeitung hätte Calderon auch zum FC Bayern gehen können, hatte aber bei 1860 ein besseres Gefühl, was den Sprung zu den Profis angeht.
Noch steht Calderon allerdings bei der vorinsolventen KGaA unter Vertrag. Die neue Spielbetriebs-GmbH möchte das Offensivtalent übernehmen – der Ball liegt beim e.V. Nach Informationen unserer Zeitung plant Kayabunar fest mit dem 18-Jährigen, auch für den Regionalliga-Auftakt am Samstag in Schweinfurt (14 Uhr, BR live). Statt Abifahrt heißt es dann also: Auswärtsfahrt.
Ein aufregender Sommer für den Münchner. Im Frühjahr drückte Calderon noch die Schulbank, jetzt startet er bei 1860 durch. Der Junge, der Tore verhindern sollte, schießt Tore am Fließband – und hat das Zeug zum neuen Fanliebling. Einer, der bald schon bald neben Niederlechner stürmen könnte.ULI KELLNER