INTERVIEW

„Ich hatte Tränen in den Augen“

von Redaktion

1860-Präsident Gernot Mang über den enormen Zuspruch für die e.V.-Löwen

Rückenwind von der aktiven Fanszene: Der Besuch von 1000 Fans beim Training hat Präsident Mang beeindruckt – und ihn in der Richtigkeit seines Kurses bestätigt. © IMAGO / U. Wagner

München – Vor zwei Monaten stand der TSV 1860 am Abgrund, am Samstag beginnt bei Mitabsteiger Schweinfurt die neue Regionalliga-Saison. Präsident Gernot Mang (57) spricht in unserem Interview über 75-Stunden-Wochen, die Abnabelung von Hasan Ismaik und den Neustart unter Trainer Alper Kayabunar.

Herr Mang, gefühlt lag 1860 gerade noch am Boden. Jetzt geht‘s mit Schwung in die Regionalliga. Haben Sie manchmal selbst Mühe zu glauben, was passiert ist?

Wir haben uns von einem Tiefpunkt Schritt für Schritt hochgearbeitet. Was alle Beteiligten geleistet haben, ist unglaublich. Ich bin überwältigt. Dieser Zusammenhalt macht mir große Freude.

Wie arbeitsreich waren die vergangenen Wochen für Sie persönlich?

Sehr arbeitsreich. Das waren teilweise 60, 70 oder 75 Stunden in der Woche – mit entsprechend wenig Schlaf.

Was war der schwierigste Moment?

Überhaupt wieder auf die Beine zu kommen und alle Bausteine zusammenzuführen. Sehr wichtig war die Vereinbarung mit Insolvenzverwalter Max Liebig und der KGaA. Dadurch konnten wir auf Teile der Infrastruktur und auf Mitarbeiter zurückgreifen. Erst auf dieser Basis konnten wir Spieler verpflichten, die Stadionfrage klären, Sponsoren ansprechen.

Wann waren Sie überzeugt, dass der Neustart gelingt?

Als wir den Kooperationsvertrag gekündigt haben. Für mich war klar: Das ist der richtige Weg. Nicht der einfache, aber der einzig richtige.

Mit jeder Verpflichtung ist die Euphorie gewachsen. Zum öffentlichen Training kamen am Mittwoch mehr als 1000 Fans. Überrascht Sie diese Begeisterung?

Ich bin beeindruckt, hatte fast Tränen in den Augen. Das zeigt, was für eine außergewöhnliche Fangemeinschaft dieser Verein besitzt. Dieser Zusammenhalt ist einzigartig in Deutschland. Dafür kann ich nur immer wieder Danke sagen.

Droht die Euphorie angesichts der steigenden Erwartungen auch zur Last zu werden?

Nein, sie gibt uns Rückenwind. Sie zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und die Fans uns vertrauen. Das ist für uns zusätzlicher Ansporn.

Ist der sofortige Wiederaufstieg Ihr Saisonziel?

Wir müssen erst einmal in dieser Liga ankommen. Mit Schweinfurt auswärts und Augsburg II zu Hause haben wir gleich zwei sehr schwere Gegner. Unsere junge Mannschaft, gemischt mit erfahrenen Spielern, muss sich erst finden. Das kann drei, vier oder fünf Spiele dauern. Danach schauen wir Schritt für Schritt weiter.

Der neue Cheftrainer heißt Alper Kayabunar. Warum haben Sie ihm das Vertrauen geschenkt?

Er hat es sich verdient. Er ist mit der U 21 von der Bayernliga in die Regionalliga aufgestiegen, und rund zwei Drittel des heutigen Teams kennt er bereits. Zwischen ihm und den Spielern besteht großes Vertrauen. Er hat eine hervorragende Ansprache. Ich bin überzeugt, dass daraus eine große Geschichte werden kann.

Hasan Ismaik hat sich am Mittwochabend zu Wort gemeldet. Er kritisiert, dass der Verein über neue Investoren spreche, während seine Vermögenswerte und Rechte angeblich ignoriert würden. Können Sie seine Irritation nachvollziehen?

Überhaupt nicht. Wir ignorieren weder Rechte noch Vermögenswerte. Diese Themen liegen beim vorläufigen Insolvenzverwalter. Außerdem haben wir bewusst auf das Löwen-Logo verzichtet, um gerade keinen rechtlichen Konflikt heraufzubeschwören. Seine Aussagen sind für mich nicht nachvollziehbar.

Ismaik klingt nicht wie jemand, der sich kampflos zurückziehen wird. Auf wie viel juristische Gegenwehr stellen Sie sich ein?

Wir stellen uns darauf ein. Was konkret kommt, kann ich aber nicht beurteilen.

Auf der Mitgliederversammlung klangen Sie erleichtert, dass das Investorenmodell der Vergangenheit angehört. Sind Investoren für Sie grundsätzlich ausgeschlossen?

Man muss zwei Dinge unterscheiden. Dieses Investorenmodell, das wir hatten, ist Geschichte. Es hat nicht funktioniert und ist gescheitert. Etwas anderes sind strategische Partnerschaften, die aus einer Position der Stärke heraus geschlossen werden und dem Verein beispielsweise bei der Infrastruktur helfen. Bei einem wirklich strategischen Partner könnte man über sieben, acht, neun oder zehn Prozent sprechen. Aber niemals wieder über ein Modell, bei dem sich der Verein in eine existenzielle Abhängigkeit begibt oder ein Investor 60 Prozent hält.

Können Sie diese Saison so finanzieren, dass am Ende kein Minus steht?

Das ist ganz klar unser Ziel. Wenn wir 100 Euro einnehmen, können wir nicht 101 Euro ausgeben. Im besten Fall geben wir 95 Euro aus und behalten fünf übrig. Genau dieses Denken muss sich bei 1860 verändern.

Was ist die wichtigste Lehre aus den 15 Ismaik-Jahren?

Wir brauchen eine mehrjährige Planung und müssen unsere Einnahmen und Ausgaben realistisch gegenüberstellen. In der Vergangenheit wurden riesige Defizite produziert und Spieler verpflichtet, die der Verein nicht bezahlen konnte. Das darf sich nicht wiederholen.

Kann der Neustart auch den lange zerstrittenen Verein wieder zusammenführen?

Ich sehe den Verein nicht grundsätzlich als zerstritten. Es gab immer unterschiedliche Lager, die durch den Konflikt zusätzlich angefeuert wurden. Jetzt gehen wir einen gemeinsamen Weg. Das kann nur miteinander funktionieren.

Wie sehr fehlt das traditionelle Löwen-Wappen?

Natürlich fehlt es mir. Das neue Logo ist schön, aber wir müssen Respekt vor dem traditionellen Löwen haben.

Kommt er eines Tages wieder auf die Brust?

Ja. Allerspätestens 2031.

Was wird es für ein Gefühl, wenn am Samstag in Schweinfurt endlich wieder der Ball rollt?

Es freut mich wahnsinnig, dass wir wieder in den Spielbetrieb einsteigen. Und es ist ein schönes Gefühl, dass die Mannschaft erstmals seit vielen Jahren wieder unter der alleinigen Verantwortung des e.V. antritt. Jetzt steht tatsächlich wieder der Verein im Vordergrund.

Was wünschen Sie sich, dass die Menschen in zehn Jahren über den 3. Juni 2026 sagen?

Dass er nicht als Schwarzer Mittwoch, sondern als Tag des Aufbruchs in Erinnerung geblieben ist. So sollte man diesen Tag eines Tages sehen.

INTERVIEW: ULI KELLNER

Artikel 1 von 11