Das Gehirn kehrt zurück

von Redaktion

Nach seinem Kreuzbandriss brennt Bayern-Regisseur Rokas Jokubaitis auf sein Comeback

Frisch verlobt: Jukubaitis und Silvia auf Mauritius. © insta

München – Ein bisschen Geduld muss Rokas Jokubaitis dann doch noch haben. Seine Basketballer des FC Bayern nehmen erst in gut drei Wochen ihren Trainingsbetrieb auf. Erst dann, nach einem kurzen Abstecher in die Heimat, wird der litauische Ausnahmekönner endgültig erfahren, welche Spuren jener Moment während der vorjährigen EM hinterlassen hat, als das Kreuzband in seinem linken Knie zerfetzte.

Fast ein Jahr ist seither vergangen. Und der 25-Jährige hat lernen müssen, dass es auch im Leben eines Wunderkindes manchmal tiefe Krisen gibt. Durch die ihn nicht zuletzt auch seine Verlobte Silvia Vila bugsierte, die seit seinem Engagement beim FC Barcelona an seiner Seite ist. Der heftigste Tiefpunkt? „Der 5. und 6. Monat“, wie Jokubaitis sagt. Die Zeit, als er nach dem ersten Rehaabschnitt in den Dunstkreis des kriselnden Teams zurückkam und ständig diese Frage in seinem Kopf auftauchte: „Wie würde es laufen, wenn ich jetzt auf dem Feld stünde?“

Dass die Mannschaft Schritt für Schritt alle Saisonziele verspielte, passte in die wunde Seele. Die Münchner Macher um Ex-Chef Dragan Tarlac hatten die Wankelmütigkeit des Bayernteams ja immer wieder vor allem mit seinem Ausfall erklärt. Das Bayern-Ensemble sei für den litauischen Stareinkauf aufgebaut worden. Mit dem Knall von Tampere ging dem Team das Gehirn verloren. Jokubaitis sah mehr. Die fehlende Chemie, die fehlende Breite. Die Einsamkeit des Top-Schützen Andi Obst. „Er ist der beste Werfer Europas“, sagte er, „aber er hatte irgendwann eine Zielscheibe auf dem Rücken.“

Es dürfte maßgeblich sein Job werden, Obst zu entlasten. Nicht nur das: Jokubaitis, der sich für den Wiedereinstieg auch die Hilfe eines litauischen Sportpsychologen holen will, sieht die Bayern nach dem bisherigen Transfersommer auf dem Weg nach vorne. Die Münchner mögen keine großen Namen an Bord geholt haben. Aber der Spielmacher könnte sich eine ähnliche Entwicklung wie vergangene Saison beim BC Valencia vorstellen, der mit überschaubarem Geld und überschaubaren Namen bis ins Halbfinale stürmte. „Wobei wir Geduld haben müssen“, wie er betont.

Nicht alles, aber doch ziemlich viel ist neu bei den Bayern. Der Kader wurde ummodelliert, auch Jokubaitis selbst ist nach einer Saison ohne Einsatz eher ein Neuzugang. Sportdirektor und Trainer wurden gewechselt. Die ersten Gespräche mit Anton Gavel machten ihm immerhin schon einmal Lust auf mehr. Ohnehin hat er in seiner Karriere reichlich gute Erfahrungen mit Übungsleitern gemacht, die als Spieler selbst begabte Ballverteiler waren wie er. Trainergrößen wie sein Landsmann Sarunas Jasikevicius, von dem er bei Zalgiris Kaunas und dem FC Barcelona insgesamt vier Jahre trainiert wurde, oder auch Maccabi Tel Avivs Oded Kattash gaben ihm die Freiheiten auf dem Feld, die er sich wünschte.

Wobei es sich nun gut trifft, dass der Spielmacher-Star in Kaunas auch schon mit Arne Woltmann zusammenarbeitete, der Gavel als Assistent von Bamberg nach München begleitet. „Er könnte ein sehr gutes Bindeglied zwischen dem Trainer und mir werden“, sagte Jokubaitis.

Aber dafür ist ja noch Zeit. Erst Ende September wartet für das neue Bayern-Team der Ernstfall in BBL und Euroleague. Davor stehen schweißtreibende Wochen der Vorbereitung an – eine Phase, auf die sich Rokas Jokubaitis „zum ersten Mal in meiner Karriere“ richtig freut. So tief sind die Spuren, die die Verletzung hinterlassen hat.PATRICK REICHELT

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