Hat er sich an seinem WM-Privatisierungsplan verhoben? FIFA-Präsident Gianni Infantino. © Tony Gutierrez / dpa
Köln – Der Kampf gegen den Rest der Welt begann für Gianni Infantino in Marokko. Während der Fifa-Präsident beim Kronjubiläum von König Mohammed VI. höflich lächelte, zerbrach daheim sein milliardenschweres WM-Projekt. Nach der Boykott-Androhung der Uefa und der Absage der Concacaf schloss sich auch die asiatische Konföderation AFC dem Widerstand an. Plötzlich gerät sogar Infantinos Machtbasis ins Wanken.
Am Freitag arbeitete das Fifa-PR-Team auf Hochtouren. Der „offene und demokratische Konsultationsprozess“, den viele Verbände vermissten, sei durch „fehlerhafte Berichterstattung in den Medien“ gestört worden. „Niemand verkauft den Fußball“, erklärte die Fifa. Kurz darauf trat jedoch einer von Infantinos engsten Beratern aus Protest zurück.
Das im Geheimen vorbereitete Vorhaben, Anteile an Fifa-Turnieren an private Investoren aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump zu verkaufen, gilt inzwischen als mögliche Zäsur in Infantinos Amtszeit. Eine Mehrheit unter den 211 Mitgliedsverbänden scheint angesichts des Widerstands der Konföderationen kaum noch erreichbar. Ein Rückzug wäre für den lange unantastbaren Fifa-Chef dennoch eine schwere Niederlage.
„Dass die Situation so weit eskaliert ist, dass ein Boykott der WM öffentlich diskutiert wird, sollte jeden beunruhigen“, erklärte die AFC und forderte tiefgreifende Reformen der Fifa-Strukturen. Die afrikanische Konföderation CAF empfahl ihren Mitgliedern dagegen, die Pläne wohlwollend zu prüfen. Die südamerikanische Conmebol hielt sich auffallend zurück.
Hinter den Kulissen wächst der Druck weiter. Nach den WM-Wochen in Trumps Umfeld habe sich Infantino mit seinem undurchsichtigen Vorhaben übernommen, heißt es aus Verbandskreisen. „The Athletic“ berichtete, dass bei den Treffen von Uafa und Concacaf sogar die Zukunft des Fifa-Chefs infrage gestellt worden sei. Der „Independent“ sprach bereits von einer eröffneten „Jagdsaison“. Uefa-Präsident Aleksander Čeferin soll intern deutlich geworden sein: „Jetzt reicht’s!“
Zu Wochenbeginn dürfte Infantino noch mit einer ungefährdeten Wiederwahl bis 2031 gerechnet haben. Inzwischen denkt die Uefa offenbar über einen Gegenkandidaten nach. Namen wie Paris-Saint-Germain-Boss Nasser Al-Khelaifi oder sogar Čeferin selbst werden gehandelt – bislang wagt sich jedoch niemand offen aus der Deckung.
Die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness sprach von einer „Verletzung guter Unternehmensführung und des Vertrauens“. Dass die Fifa den Verbänden für ihre Zustimmung eine Frist bis 19. September gesetzt habe, sei „im besten Fall unangemessen“.
Vor vorschneller Euphorie über einen möglichen Sturz Infantinos warnte dagegen Nicholas McGeehan von der Organisation FairSquare. Der Schweizer sei „das Symptom, nicht die Ursache“ der Probleme. Nötig seien grundlegende Strukturreformen – nicht nur ein neuer Vorsitzender an der Spitze.SID