Nächster Fifa-Boss? Nasser Al-Khelaifi. © De Sakutin/AFP
München – Könnte man einen geschriebenen Text als „schmallippig“ bezeichnen, dann wäre es dieser, den die Medienabteilung des Fußball-Weltverbands Fifa in der Nacht von Freitag auf Samstag um 1.36 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit verschickte: Statement des Präsidenten Gianni Infantino. Auf 13 Zeilen wurde verkündet: Der Plan, die WM und alle weiteren Fifa-Wettbewerbe teilweise an Investoren zu verkaufen, werde nicht weiter verfolgt.
Was heißt das jetzt? Die Boykottdrohungen der Uefa (Europa) werden nicht vollzogen. Durchgesetzt haben sich mit ihrer Ablehnung eines Investoreneinstiegs auch Concacaf (Nord-, Mittelamerika, Karibik) und AFC (Asien). Was Infantinos Einlenken aber nicht zur Folge haben wird: Dass die Fifa zur Tagesordnung übergehen und einen Prozess des „unite and improve“ einleiten wird, als wäre nichts geschehen. Nein, das Endspiel läuft weiter. Ziel: der Sturz Infantinos, der sich an sein Amt klammert und im Frühjahr 2027 eine Wiederwahl anstrebt.
Zehn Stunden nach Infantino äußerte sich die Uefa – mit der Botschaft: „Die Aufgabe des Wiederaufbaus von Vertrauen in die Fifa hat gerade erst begonnen.“ Und es wird klargemacht, dass der bisherige Präsident nicht die Person sein kann, der diese Aufgabe anvertraut wird. Was Infantino vorgehabt habe, sei ein „undurchsichtiger, schäbiger Hinterzimmerdeal“ gewesen. Auch die Concacaf will da einhaken, sie spricht davon, „Fragen der Rechenschaftspflicht und der Führung“ zu stellen. Warum wusste der Fifa-Rat nichts von Infantinos Geschäftsanbahnung mit Investor Joshua Kushner? Wie kann es sein, dass die Großbank J.P. Morgan den Wert des Pakets, das Infantino veräußern wollte, auf angesichts der jüngsten WM-Einnahmen niedrige 20 Milliarden Dollar veranschlagte? Hätte das zu einem schnellen Weiterverkauf der Anteile und einem ungenierten Kasse machen geführt (an dem Infantino beteiligt gewesen wäre)?
Die Uefa verweist auf Infantinos Wahlversprechen von 2016, an den an die über 200 Mitgliedsverbände gerichteten Satz: „Das Geld der Fifa ist euer Geld. Es muss der Entwicklung des Fußballs dienen, nichts anderem.“ Die Uefa fragt süffisant, wie sich dieser Grundsatz mit der Tatsache vertrage, dass die Fifa fünf Milliarden US-Dollar ab Rücklagen horte. Sie nimmt Infantino dessen bestes Argument.
Infantino hat drei der sechs Kontinentalverbände und eine Stimmenmehrheit bereits gegen sich – und die Fifa-Verwaltung nicht mehr auf seiner Seite. Kevin Lamour, Betriebsdirektor, und Generalsekretär Mattias Grafström sind in die Opposition gegangen; ihr zugerechnet wird auch der ehemalige Bundesligaspieler (Freiburg, Frankfurt) Gelson Fernandes, der bei der Fifa für die afrikanischen Verbände zuständig ist.
Sicher ist, dass, sollte Infantino zur Wahl antreten, er Gegenkandidaten bekommen würde. Uefa-Präsident Aleksander Ceferin wird genannt, hoch gehandelt, da er die Blöcke Europa/Asien verbinden könnte, Nasser Al-Khelaifi, katarischer Präsident von Paris Saint-Germain. Zu positionieren scheint sich der kanadische Concacaf-Boss Victor Montagliani, bisher treuer Infantino-Vasalle wie auch Generalsekretär Grafström, der die Chance zum Aufstieg sieht.
2016, als Infantino auf einem Außerordentlichen Kongress gewählt wurde, hatte es fünf Kandidaten gegeben. Damals hatte Sepp Blatter nach langer Regentschaft ausgespielt. Zehn Jahre später ist die Fifa wieder an einem So-nicht-weiter-Pinkt angelangt.GÜNTER KLEIN