Schwer unter Druck: Gianni Infantino. © IMAGO
Hamburg – Geht jetzt alles ganz schnell mit dem Aus für Gianni Infantino? Erst entzogen ihm die britischen Verbände das Vertrauen, dann drohte die Uefa mit juristischen Schritten. Und plötzlich diskutiert der Weltfußball nicht mehr über neue Milliarden-Erlöse, sondern über die Zeit nach seinem Präsidenten. Noch vor Kurzem schien der Schweizer unangreifbar. Jetzt gerät seine Machtbasis ins Wanken.
Der jüngste Rückschlag kommt aus dem Vereinigten Königreich. Am Montag entzog zunächst der walisische Fußballverband (FAW) Infantino offiziell die Unterstützung für eine Wiederwahl 2027. „Das Wohl des Fußballs nicht an erste Stelle zu setzen, ist ein Versagen, das wir nicht akzeptieren können“, hieß es in der Begründung. Später folgte laut „Times“ auch die mächtige englische FA. Weitere öffentliche Distanzierungen könnten folgen.
Parallel wächst der juristische Druck. Dem SID bestätigte die Uefa, dass sie ein Schreiben zur Sicherung von Unterlagen an Infantino verschickt habe. Die europäische Fußball-Union erwägt laut BBC „aktive rechtliche Schritte“ im Zusammenhang mit den gescheiterten Investorenplänen und warnte die Fifa davor, relevante Dokumente zu vernichten.
Die Botschaft der Uefa ist eindeutig: Das Vertrauen in Infantino ist erschüttert. Europas Verbände wollen den Präsidenten nicht länger gewähren lassen und treiben die Debatte über eine personelle Neuordnung an der Spitze des Weltverbandes offensiv voran.
Entsprechend kursieren bereits Namen möglicher Nachfolger. Uefa-Präsident Aleksander Ceferin gilt als prominentester Gegenspieler Infantinos und wäre ein naheliegender Kandidat. Ebenfalls gehandelt wird Nasser Al-Khelaifi, Chef der European Club Association und Mitglied des Uefa-Exekutivkomitees. Auch Concacaf-Präsident Victor Montagliani hat sich früh gegen die Investorenpläne positioniert und könnte mit europäischer Unterstützung auf breite Rückendeckung bauen.
Als interne Lösung wird Fifa-Generalsekretär Mattias Grafström genannt. Der schwedisch-niederländische Funktionär kennt den Weltverband wie kaum ein anderer, gilt jedoch als enger Vertrauter Infantinos. Aus Sicht vieler Verbände würde er deshalb kaum für den gewünschten Neuanfang stehen.
Noch sitzt Infantino allerdings fest im Sattel. Die reguläre Präsidentenwahl ist erst für März 2027 angesetzt. Zwar könnte ein Sonderkongress schon vorher einberufen werden – dafür wären die Stimmen von mindestens 43 Mitgliedsverbänden erforderlich. Eine vorzeitige Abwahl würde jedoch zunächst eine Satzungsänderung mit Dreiviertelmehrheit voraussetzen. Angesichts des Rückhalts, den Infantino vor allem bei zahlreichen kleineren Verbänden weiterhin genießt, erscheint dieses Szenario derzeit wenig realistisch.
Genau deshalb setzen seine Gegner auf eine andere Strategie: Sie wollen den Druck so weit erhöhen, dass der Fifa-Präsident selbst die Konsequenzen zieht. Juristische Drohungen, der Entzug politischer Unterstützung und die lauter werdende Nachfolgedebatte verfolgen dasselbe Ziel – Infantinos Macht Schritt für Schritt zu untergraben. DFB-Sportdirektor Andreas Rettig brachte die Stimmung zuletzt auf den Punkt. Der Vertrauensverlust, sagte er, sei „irreparabel“.SID