Jill Heinerth liebt das Tauchen.
„Du kannst nicht alles kontrollieren, aber du kannst dich vorbereiten“, sagte die Abenteurerin über ihre Tauchgänge.
München – Sie taucht in Regionen, wo kein Mensch vor ihr war: In verborgene Höhlenwelten unter der Erde. Die kanadische Unterwasserforscherin Jill Heinerth spricht mit unserer Zeitung über Angst, mentale Stärke und den Moment, in dem sie 73 Minuten lang als tot galt.
Frau Heinerth, Sie sind Taucherin, Forscherin, Abenteuerin … was steht auf Ihrer Visitenkarte?
Dasteht „Entdeckerin“. Ich bin hauptberufliche Unterwasserforscherin mit dem Spezialgebiet Höhlentauchen. Für viele Menschen ist das ein abstraktes Konzept. Im Grunde genommen schwimme ich durch das Trinkwasser direkt unter Ihren Füßen. Ich gehe an Orte, an denen nie zuvor ein Mensch war, sammle wissenschaftliche Daten und bringe Bilder und Geschichten mit, aus einer anderen Welt.
Höhlentauchen bedeutet Dunkelheit, Enge und Risiko. Was fasziniert Sie daran?
Viele Menschen fühlen sich schon unwohl, wenn sie nur Videos davon sehen. Ich empfinde diese Räume anders. Ich mag diese dunklen, engen Umgebungen. Aber ich spüre trotzdem Angst. Viele Journalisten nennen mich „furchtlos“. Das stimmt nicht. Ich habe bei jedem Tauchgang Angst.
Angst klingt nicht unbedingt hilfreich.
Doch. Angst ist wichtig. Sie gibt dir Respekt vor der Situation. Sie zeigt dir, dass dir der Ausgang wichtig ist und dass du lebend nach Hause kommen möchtest. Angst ist der Treibstoff für Entdeckungen. Ohne Angst würden wir schlechte Entscheidungen treffen.
Wie bereiten Sie sich mental auf einen Tauchgang vor?
Bevor ich abtauche, gehe ich buchstäblich alles durch, was mich heute töten könnte: meine Ausrüstung, meine Psyche, meinen Tauchpartner. Die wichtigste Frage lautet: Bin ich heute in der Lage, mich selbst zu retten? Und bin ich bereit, meinen Buddy in dieser Umgebung zu retten? Erst wenn die Antwort Ja lautet, lasse ich meine Emotionen an der Oberfläche zurück und konzentriere mich auf die Arbeit. Unter Wasser gibt es keine Rettungsmannschaft, die plötzlich auftaucht. Die beste Person, um mich zu retten, bin ich selbst.
Spitzensportler sprechen davon, unter Druck den Kopf frei zu bekommen und nur die nächste Aufgabe zu sehen. Gibt es Parallelen?
Absolut. Der größte Fehler ist, sich von der Größe einer Aufgabe überwältigen zu lassen. Wenn ich in einer Höhle bin und denke: „Ich bin kilometerweit vom Ausgang entfernt, über mir sind Tonnen von Gestein und meine Luft ist begrenzt“, dann hilft mir das nicht. Ich muss mich auf den nächsten Schritt konzentrieren: die nächste Entscheidung, den nächsten Atemzug, die nächste Aufgabe.
Haben Sie schon Situationen erlebt, in denen Sie dachten: „Okay, das war`s…“
Ja. Ich war hinter einer Wissenschaftlerin in einer Höhle unterwegs, als sie plötzlich Panik bekam. Sie blockierte meinen Rückweg. In völliger Dunkelheit wurde auch noch unsere Sicherheitsleine zerstört, die uns den Weg nach draußen zeigte. Ich musste sie beruhigen und gleichzeitig versuchen, die Orientierung wiederherzustellen.
Was ist dann passiert?
73 Minuten lang war ich für die Welt tot. Menschen begannen bereits, Nachrufe für meine Beerdigung zu schreiben. Es war besonders schwer für meinen Mann. Danach machten wir eine 7000 Kilometer lange Fahrradreise durch Kanada. Am Ende sagte er zu mir: „Man kann einen Schmetterling nicht in ein Glas sperren, sonst stirbt er.“
Ihr Mann liebt Ihren Beruf nicht unbedingt.
Nein, er hasst das Tauchen. Es raubt ihm manchmal den Schlaf. Aber er versteht, dass es ein Teil von mir ist. Er weiß, dass er mir diese Freiheit geben muss.
Sie selbst erhielten schon eine Krebsdiagnose. Hat Ihnen Ihre Erfahrung als Höhlenforscherin geholfen?
Definitiv. Beim Tauchen lernst du, mit Unsicherheit umzugehen. Du kannst nicht alles kontrollieren, aber du kannst dich vorbereiten. Du brauchst das richtige Team, die richtige Ausrüstung und ein klares Ziel. Genau diese Prinzipien habe ich auch in dieser Situation angewandt. Ich wollte verstehen, was passiert. Ich habe mir chirurgische Eingriffe angesehen, weil ich wissen wollte, wie Erfolg aussieht, bevor der Eingriff beginnt.
Ist das der Punkt, wo sich der gute Entdecker abhebt?
Auf jeden Fall geht es nicht um Mut. Viele Menschen glauben, ein Entdecker sei jemand, der Risiken ignoriert. Das Gegenteil ist der Fall. Ein guter Entdecker respektiert Risiken. Er bereitet sich vor, hört seinem Team zu und weiß, wann er umkehren muss. Es geht darum, Grenzen zu verstehen. Manchmal ist die mutigste Entscheidung, nicht weiterzugehen, sondern zurückzukehren.
Als Kind wollten Sie Astronautin werden. Haben Sie diesen Traum jemals vermisst?
Nein. Ich glaube sogar, dass ich meinen eigenen Weltraum gefunden habe. Ein Astronaut trainiert sein ganzes Leben, um vielleicht einmal ins All zu fliegen. Ich verbringe mein Leben damit, Orte auf der Erde zu erkunden, an denen noch nie ein Mensch war. Ich bewege mich nicht im äußeren Weltraum – sondern im inneren Weltraum unseres Planeten. Das ist ein unglaubliches Privileg.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT