Er fehlt: Helmut Marko. © Hasan Bratic/dpa
München – Zu Lebzeiten von Imperiumsgründer Dietrich Mateschitz stand Red Bull für Anderssein: Der Selfmade-Mann aus der Steiermark stellte harte Regeln auf, die er selbst vorlebte – Abenteuer und Freiheitsgefühl inbegriffen. Er wollte beim Einstieg in die automobile Königsklasse den „Spießern“, wie er die meisten der damaligen Entscheidungsträger nannte, den Spiegel vorhalten. Dazu gehörten ehrliche Interviews ohne Luftblasen.
Nach seinem Tod 2022 hat sich alles verändert. Der Letzte, der das Erbe von Mateschitz noch öffentlich verwaltete, war sein Freund und Berater Helmut Marko, den die neuen Machthaber des Dosenimperiums Ende 2025 in den Ruhestand schickten. Der Grazer ließ sich sein Ausscheiden teuer bezahlen. Acht Millionen Euro soll es den neuen Red-Bull-Chefs um Oliver Mintzlaff wert gewesen sein, dass auch die letzten Erinnerungen an die einst von Mateschitz ausgegebene Philosophie der Freiheit des Wortes verschwinden. Im Auflösungsvertrag für Marko wurde eine Verschwiegenheitsklausel eingebaut. Soll heißen: Maulkorb für Marko. Bis Ende 2026 darf er keine Interviews geben.
Markos Nachfolger als Chef der Red-Bull-Nachwuchsakademie ist Franzose und wurde vom Erzfeind Mercedes abgeworben. Sein Name: Gwen Laggrue und – sicher kein Zufall – Landsmann des neuen französischen Red-Bull-Teamchefs Laurent Mekies.
Mekies, der 2025 den geschassten Christian Horner ersetzte, gibt den neuen Führungsstil vor. Der heißt: Sei nett in der Öffentlichkeit, rede viel, ohne wirklich etwas zu sagen, und umgib dich mit Mitarbeitern, denen du vertrauen kannst – ob sie das Team weiterbringen, spielt keine Rolle. Red Bull hat durch Mekies jetzt kein österreichisches Flair mehr, sondern französisches. Laggrue ist nur ein Beispiel. Cheftechniker Pierre Waché ist ebenfalls Franzose, und Gino Rosato, den Mekies von Ferrari abwarb, stammt aus Québec – der frankokanadischen Provinz.
Allein: Laggrue ist der Einzige, der in seiner Vergangenheit wenigstens den Job ausgeübt hat, den er jetzt bei Red Bull machen soll – wenn auch mehr oder weniger als Handlanger des mächtigen Mercedes-Teamchefs Toto Wolff. Ein neuer „Verbindungsoffizier“ zwischen Team und Red-Bull-Führung war früher Chauffeur von Helmut Marko. Und Rosato, der von Ferrari Techniker abwerben soll, trug dort die Ledertasche des Ex-Teamchefs Jean Todt und war später Wochenend-Partyplaner des kauzigen Finnen Kimi Räikkönen.
Red Bull zeigt Auflösungserscheinungen: Mit Adrian Newey, Rob Marshall sowie Jonathan Wheatley verließen Schlüsselfiguren das Team. Auch die Beziehung zu Superstar Max Verstappen steckt in der Krise. Der Unterschiedsfahrer aus den Niederlanden kann mit dem Auto von Newey-Nachfolger Waché nur noch selten den Unterschied machen. Das Auto gilt als Rohrkrepierer. Das wurde selbst beim zweiten Platz beim letzten Rennen in Ungarn deutlich. Schon im Qualifying schimpfte Verstappen über Funk, das Auto sei „unmöglich“ und „unfahrbar“. Der viermalige Weltmeister wird, so hört man, nur aus ernsthaftem Mangel an Alternativen auch 2027 noch bei Red Bull bleiben – jedoch den Markt sondieren.
Sky-Experte Ralf Schumacher sieht große Probleme auf Red Bull zukommen:. „Helmut Marko fehlt an allen Ecken und Enden, nicht nur bei Interviews.“RALF BACH