„Es wird kein endloser Kampf“

von Redaktion

Ismaik-Vertrauter Ballester Relat im Interview über das Abenteuer 1860 und das Ende

Biel Ballester Relat nahm sich Zeit für unseren Redakteur Uli Kellner. © Stefan Matzke/sampics

Auf einer Seite: Ismaik und Ballester Relat. © Sampics

„Rückblickend hätten wir viel früher unabhängige Fachleute einsetzen müssen“: Biel Ballester Relat sollte bei 1860 Ordnung in die Finanzen bringen. © Stefan Matzke/sampics

Er gilt als einer der umstrittensten Akteure der letzten Monate beim TSV 1860. Für die einen war Aufsichtsrat Biel Ballester Relat (41) der Mann, der Ordnung in die Finanzen der KGaA bringen sollte. Für die anderen überschritt der Vertraute von Investor Hasan Ismaik seine Kompetenzen. Nach den jüngsten Enthüllungen über die Monate vor dem Lizenzentzug spricht der Katalane nun erstmals ausführlich über seine Rolle – und erhebt dabei schwere Vorwürfe gegen die Vereinsführung. Im Interview erklärt er seine Sicht auf das Scheitern der Löwen, räumt aber auch Fehler auf Investorenseite ein.

Herr Ballester, wenn Sie heute auf Ihre Zeit beim TSV 1860 zurückblicken: Was war Ihr größter Fehler?

Zu vertrauen. Und das war auch der größte Fehler von Hasan. Über viele Jahre hat er den Verein finanziell unterstützt, ohne gleichzeitig ein professionelles Kontrollsystem aufzubauen. Rückblickend hätten wir viel früher unabhängige Fachleute einsetzen müssen, die regelmäßig überprüfen, was mit dem Geld geschieht. Das haben wir versäumt.

Wer ist Biel Ballester Relat – und warum haben Sie sich überhaupt auf das Abenteuer TSV 1860 eingelassen?

Ich bin in Barcelona geboren, habe Finanzwirtschaft studiert und später in Dubai Hasan Ismaik kennengelernt. Bevor ich zu 1860 kam, war ich fast 20 Jahre lang in den Bereichen Kapitalanlagen, Fusionen und Übernahmen sowie Vermögensverwaltung bei führenden internationalen Institutionen in ganz Europa und im Nahen Osten tätig. Als Hasan mir vom TSV 1860 erzählte, habe ich mich intensiv mit dem Verein beschäftigt und sofort sein Potenzial erkannt.

Mit welchen Erwartungen sind Sie nach München gekommen?

Mir war klar, dass ich zu einem Drittligisten komme und es Probleme geben würde. Was mich allerdings überrascht hat, war das Ausmaß der fehlenden Professionalität. Der TSV 1860 ist ein Traditionsverein mit einer riesigen Fanbasis und großem Potenzial. Deshalb hatte ich deutlich professionellere Strukturen erwartet.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Dass es kaum klare Ziele gab. Niemand wurde an Ergebnissen gemessen, Verantwortlichkeiten waren oft unklar und viele Abläufe wirkten auf mich wenig professionell. Mir fehlte eine Kultur, in der Leistung eingefordert und regelmäßig überprüft wird.

Sie sprechen immer wieder von einem Governance-Problem. War das eigentliche Problem des TSV 1860 fehlendes Geld – oder fehlende Strukturen?

Ganz klar die Strukturen. Hasan Ismaik hat den Verein über viele Jahre finanziell unterstützt. Das Problem war, dass dieses Geld ohne ausreichende Kontrolle geflossen ist. Dadurch entstand eine Kultur, in der viele selbstverständlich davon ausgingen, dass Defizite am Ende ohnehin ausgeglichen werden. So führt man kein professionelles Unternehmen.

Die SZ beschreibt Sie als jemanden, der sich faktisch über den Geschäftsführer gestellt habe. Warum ist dieser Eindruck entstanden?

Es gab zunächst Überlegungen, mir Prokura zu erteilen. Später wurde mir mitgeteilt, dass dies wegen der 50+1-Regel nicht möglich sei. Ich habe das akzeptiert. Trotzdem habe ich versucht, meine Erfahrungen einzubringen und wirtschaftliche Verbesserungen anzustoßen. Es ging mir nie darum, jemanden zu ersetzen oder Macht auszuüben, sondern den Verein professioneller aufzustellen.

Einer der Vorwürfe lautet, Sie hätten einen neuen Zahlungsfreigabeprozess eingeführt und Rechnungen blockiert. Warum hielten Sie diesen Prozess überhaupt für notwendig?

Weil ich Entscheidungen gesehen habe, die ich wirtschaftlich nicht nachvollziehen konnte. Mein Ziel war nie, Zahlungen zu blockieren. Ich wollte mehr Transparenz in finanzielle Entscheidungen bringen. Wer Geld ausgibt, sollte erklären können, warum. Das ist in einem professionellen Unternehmen selbstverständlich.

Sie weisen also den Vorwurf zurück, Rechnungen grundlos gestoppt zu haben?

Ja. Es ging nie darum, den Geschäftsbetrieb lahmzulegen. Ich wollte Verantwortlichkeiten klar regeln und nachvollziehbare Prozesse schaffen.

Auch die Diskussion über VIP-Logen und einen möglichen Wegfall der Stehplätze hat viele Fans schockiert. War das tatsächlich ein konkreter Plan?

Nein. Das ist schlicht falsch. Wir hatten gar nicht die Möglichkeit, solche Entscheidungen zu treffen. Uns wurde nicht einmal erlaubt, an entsprechenden Gesprächen teilzunehmen. Deshalb verstehe ich bis heute nicht, wie daraus die Behauptung entstehen konnte, wir hätten die Stehplätze abschaffen wollen.

Wann haben Sie persönlich erstmals befürchtet, dass eine Insolvenz Realität werden könnte?

Ehrlich gesagt zunächst gar nicht. Für mich war eine Insolvenz lange kein realistisches Szenario. Wir hatten eine Vereinbarung vorbereitet, über deren Inhalte zuvor gesprochen worden war. Aus meiner Sicht enthielt sie ausschließlich Forderungen, wie sie in jedem professionell geführten Unternehmen selbstverständlich wären.

Warum kam es trotzdem dazu?

Weniger als zwölf Stunden vor der geplanten Einigung änderte sich plötzlich alles. Wir bekamen ein Nein. In diesem Moment wurde mir klar, dass es offenbar nicht mehr allein um wirtschaftliche Vernunft ging. Das hat mich bis heute überrascht.

Sie glauben also, dass die Insolvenz vermeidbar gewesen wäre?

Ja. Nach meiner Überzeugung hätte es eine Lösung gegeben. Ich hatte häufig den Eindruck, dass unsere Vorschläge nicht nach ihrem Inhalt bewertet wurden, sondern danach, von wem sie kamen. Genau das hat aus meiner Sicht viele Lösungen verhindert.

Haben auch Sie und Hasan Ismaik Fehler gemacht?

Natürlich. Hasan hat den Verantwortlichen über viele Jahre vertraut und zu wenig Kontrolle ausgeübt. Das war ein Fehler. Aber ich habe nie erlebt, dass er dem Verein schaden wollte. Im Gegenteil: Er wollte helfen und hat den Klub über viele Jahre finanziell getragen.

Wird Hasan Ismaik weiter um seine Rechte kämpfen?

Ich glaube nicht, dass es ihm um einen endlosen Kampf geht. Man muss seine Situation sehen: Er hat mehr als 100 Millionen Euro investiert, den Verein in einer schwierigen Phase gerettet und Jahr für Jahr finanziell unterstützt.

Was würden Sie Präsident Gernot Mang heute sagen?

Ich glaube, Herr Mang wollte durchaus Lösungen finden. Aus meiner Sicht war er nicht der radikalste Vertreter der anderen Seite. Aber am Ende musste er viele unterschiedliche Interessen zusammenführen. Unter diesen Voraussetzungen ist es extrem schwierig, einen Verein erfolgreich zu führen.

INTERVIEW: ULI KELLNER

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