Kein Pogacar, keine Langeweile

von Redaktion

Frauen-Tour liefert vergessene Spannung – Niedermaier stark, ab zum Mont Ventoux

Dichtes Gedränge: Bei der Tour de France der Frauen kann sich das Klassement jederzeit komplett verändern. Das Publikum ist begeistert und säumt die Straßen. © JEAN-CHRISTOPHE BOTT/EPA

Belleville-en-Beaujolais – Unzählige Radsport-Partys an der Strecke, ein Mega-Solo in den Dimensionen eines Tadej Pogacar und Kontroversen für die Boulevard-Blätter. Die Tour de France der Frauen nähert sich den Männern in Sachen Spektakel mit kräftigen Pedalhieben an, doch sie liefert auch das, was im Peloton um den slowenischen Dauersieger seit Jahren schmerzlich vermisst wird. Spannung pur!

Vor der Königsetappe am Freitag zum mythischen Mont Ventoux jagt in Frankreich ein Highlight das nächste. Kontrollierte Pogacar bei den Männern das Rennen nach Belieben, verzückt die 2022 wiederbelebte Rundfahrt der Frauen den neutralen Zuschauer mit der im modernen Radsport fast schon vergessenen Unvorhersehbarkeit. Alles scheint möglich, auch am „Riesen der Provence“.

„Diesen Berg in der Tour zu haben, zeigt, wie stark der Frauen-Radsport in den vergangenen Jahren gewachsen ist“, sagt Franziska Koch. Nach der Planche des Belles Filles in den Vogesen zum Comeback des Frauen-Rennens, dem Col du Tourmalet 2023, Alpe d’Huez 2024 und bei der letzten Ausgabe der Col du Madeleine steht mit dem Mont Ventoux der nächste ikonische Tour-Gigant erstmals auf dem Programm.

„Damit haben wir gezeigt, dass wir alles können und nicht nur die Männer die höchsten Berge bewältigen können“, sagt Koch, deutsche Meisterin, Paris-Roubaix-Siegerin und Edelhelferin für die niederländische Gesamtsieg-Kandidatin Demi Vollering (FDJ United-Suez). Für Tour-Direktorin Marion Rousse ist der legendäre Anstieg ein „weiterer Meilenstein“ in der Entwicklung des Frauen-Radsports.

Diese schreitet in großen Schritten voran – getragen von dem gestiegenen Interesse, vor allem in Frankreich. Der Gesamtsieg der Französin Pauline Ferrand-Prévot im Vorjahr sorgte für einen enormen Schub, zwölf Monate später säumen Hunderttausende Zuschauer die Straßen. Diskutierten ihre Landsleute damals noch über ihren auffälligen Gewichtsverlust, ist nun die Formschwäche der Titelverteidigerin das Thema. Und ein möglicher BH-Trick.

Eine Auspolsterung im Büstenhalter soll verbotene Vorteile in der Aerodynamik ermöglichen, vor allem im Zeitfahren. Der Weltverband UCI kontrollierte deshalb vor dem Kampf gegen die Uhr am Dienstag besonders gründlich. Boulevardmedien erfreuten sich.

Am Mittwoch gab es dann sportlich die nächste Show. Trotz eines gescheiterten Ausreißversuchs hat sich die deutsche Hoffnung Antonia Niedermaier auf den vierten Platz der Gesamtwertung verbessert. Die 23-Jährige aus Rosenheim erreichte 45 Sekunden hinter der Gruppe der Favoritinnen als Sechste das Ziel auf der fünften Etappe in Belleville-en-Beaujolais.

Den Tagessieg nach dem Ritt durch die Weinberge nördlich von Lyon holte sich nach 140 Kilometern und acht Bergwertungen die niederländische Topfavoritin Demi Vollering vor der Gesamtersten Marlen Reusser (Schweiz) und der Polin Kasia Niewiadoma.

Das Gelbe Trikot der Gesamtersten verteidigte Reusser erfolgreich. Niedermaier, die bereits den Giro d‘Italia auf einem starken zweiten Platz beendet hatte, war gut 85 Kilometer vor dem Ziel in eine Ausreißergruppe von 19 Fahrerinnen gegangen. Zwischenzeitlich betrug der Vorsprung fast zwei Minuten, womit Niedermaier sogar virtuell in Gelb unterwegs war.

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