Der Triumph des Gestürzten

von Redaktion

Gefeiert, vergessen, nun zurück: Marco Brenners bewegte Radkarriere

Plötzlich ganz oben auf dem Treppchen: Marco Brenner gewann die Gesamtwertung der Polen-Rundfahrt vor Finn Fisher-Black (l.) und Jose Romeo. © Art Service/EPA

München – Das Gelbe Trikot, das auch bei der Polen-Rundfahrt den Führenden kennzeichnet, konnte Marco Brenner keinen einzigen der 1110 Kilometer tragen. Dem deutschen Radprofi war nämlich Ungewöhnliches gelungen: Er holte sich Gelb erst auf der siebten und letzten Etappe, einem Einzelzeitfahren. Eine Rechnerei – Brenner lag dann am Ende zehn Sekunden vor Finn Fisher-Black, dem neuseeländischen Red-Bull-Fahrer. Bewertet wurde der Ausgang der Rundfahrt als „völlige Überraschung“. Weil Deutsche schon lange nichts mehr gerissen hatten in diesem Format – und weil die Welt des Radsports Marco Brenner, obwohl erst 23 Jahre alt, irgendwie vergessen hatte. Oder um es drastischer zu sagen: aufgegeben.

Als Junior war Marco Brenner so verteufelt gut (WM-Bronze im Einzelzeitfahren bei den Junioren – mit 17), dass man in ihm den neuen Jan Ullrich sah – also vom Potenzial her. Er fuhr für die E-Racers Augsburg, wie auch Georg Zimmermann, der gut vier Jahre älter und ein etablierter Profi ist. Die E-Racers decken die ganze Palette ab: Bahn, Straße, Cyclocross. Sie trainierten sogar auf dem Parkplatz des Augsburger Fußballstadions, da ist außerhalb der Bundesligaspiele fast alles frei. Noch mit 17 wurde er Profi beim Team DSM – er war der jüngste Berufsfahrer auf der World Tour.

Das Jahr 2020, in dem Marco Brenner in den ganz großen Sport einstieg, brachte allerdings auch den ersten gravierenden Rückschlag. Beim Training wurde er von einem Traktor erwischt, sein rechtes Bein aufgeschlitzt. Die Wunde verheilte, doch Brenner gewöhnte sich auf dem Rad eine Fehlhaltung an. Er verkrampfte, konnte Rennen nicht beenden – das begleitete ihn über Jahre. 2024 wechselte er zum kleineren Schweizer Tudor-Pro-Cycling-Team – für das er nun die Polen-Rundfahrt gewann. Vor zwei Jahren wurde er deutscher Meister – das war der erste Schritt zum Comeback. Damals sagte er, als er den Rennverlauf skizzierte, in dem sich plötzlich die große Chance auftat: „Da war wieder der alte Marco Brenner.“ Er sagte das mit 21, es klang seltsam.

Er war ab da wieder im Geschäft – hätte sich 2025 aber beinahe abgemeldet. Grund: ein schwerer Sturz beim Giro d‘Italia. Abfahrt auf der 19. Etappe, mutmaßlich ein Materialschaden war schuld, dass Brenner „mit 50 oder 60 km/h über die Leitplanke in eine Mulde“ flog. Bilanz: aufgeschlitztes linkes Bein, Innenbandriss im Knie, Kreuz- und Außenband gezerrt, Schnittwunde an der Wade und am Kinn, Schulter ausgekugelt. „Die Erfahrung, zu warten, bis sie einen rausholen, war krass“, sagte er. Im Krankenwagen sei er „in Tränen ausgebrochen“. Seine Überlegung: Aufhören mit Radfahren. Im Rollstuhl brachte man ihn zu seiner Freundin nach Amsterdam. In der Reha und bei der Arbeit mit einem Sportpsychologen fing Brenner sich.

Auch auf der Tour de Pologne, auf der vierten Etappe, hatte er einen Sturz – der aber keine Spuren hinterließ. Das Talent ist noch nicht verloren. Marco Brenner gilt als Typ für die Rundfahrten, mit 61 Kilo auf 1,80 Meter ist er auch ein guter Kletterer. Um mehr am Berg trainieren zu können, zog er nach Andorra.GÜNTER KLEIN

Artikel 1 von 11