Gut Weiglschwaig in Moosburg. © Netz
Ein super Team: 2024 hat Raphael Netz sich mit seiner Partnerin Selina Söder selbstständig gemacht – der 27-Jährige reitet ab heute bei der WM in Aachen. © API (c) Michael Tinnefeld
Moosburg/Aachen – Er ist der Nachwuchsstar am deutschen Dressurhimmel. Raphael Netz (27) startet bei der Reit-WM in Aachen (ab 11. August). An seiner Seite das Pferd Great Escape Camelot, ein 15-jähriger Wallach. Netz kam mit 17 Jahren als Bereiter nach Aubenhausen, den Stall von Jessica von Bredow-Werndl und ihrem Bruder Benjamin Werndl. 2024 hat er sich mit seiner Partnerin Selina Söder, Tochter des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, auf der Anlage Gut Weiglschwaig in Moosburg selbstständig gemacht.
Herr Netz, die erste WM und gleich im eigenen Land. Geht ein Kindheitstraum in Erfüllung?
Auf jeden Fall. Nicht nur ein Kindheitstraum, sondern auch ein Traum des älteren Raphis. Denn mein großes Ziel war und ist es, Championatsreiter für Deutschland zu werden. Und das bin ich gerade dabei, zu erreichen. Der Fakt, dass mein erstes Championat gleich eine Weltmeisterschaft ist, macht es natürlich noch mal besonders. Und dann in Aachen – das Pferdemekka.
Wie sieht Ihre Routine vor einem Wettbewerb aus?
Ich mache immer ein paar Stunden vor meinem Start einen Powernap. Dann stehe ich meistens zwei Stunden vor dem Aufsteigen auf und trinke dann noch einen Espresso. Danach verbringe ich Zeit mit meinem Pferd, kuschle mit ihm und man stimmt sich so langsam ein. Ich fange an, mich aufzuwärmen, zu dehnen. Währenddessen richtet meine Pflegerin Camelot her. Und dann ist Showtime.
Stichwort Camelot. Wie sind Sie zu ihm gekommen und seid wann ein Team?
Wir sind jetzt seit dreieinhalb Jahren ein Team. Camelot kam damals nach Aubenhausen – wo ich gearbeitet habe – als Verkaufspferd. Bei mir ist der Funke aber direkt beim ersten Ritt übergesprungen und ich glaube, bei ihm auch. Die Besitzer haben dann zu mir gesagt: Wir würden dich gerne sponsern, aber wir müssen ihn verkaufen. Ich habe geantwortet: Kein Problem, gib mir vier Wochen. Innerhalb von zwei Tagen habe ich jemanden gefunden, der sich an ihm beteiligt. Jetzt gibt es eine Besitzergemeinschaft aus Sonja Kristina Krall und Theres Boss.
Was macht ihn so besonders?
Wenn man neben ihm steht, ist er ein richtiger kleiner Lausbub. Und wenn man auf ihm draufsitzt, gibt er jedes Mal 100 Prozent.
Sie reiten mit Dressurikone Isabell Werth im Team. Sie hat 2006 schon die Weltmeisterschaft in Aachen gewonnen. Was bedeutet das für Sie?
Mit Isabell zusammen im Team zu sein, ist ein besonderer Moment. Sie ist ein Urgestein im Sattel, sie war einfach schon immer da und sie ist immer noch da. Jetzt auf dem Niveau angekommen zu sein und neben ihr zu stehen, ist schon ein ganz eigenes Gefühl, im Positiven.
2024 wurden Sie als Reservepaar für Olympia nominiert. Da ist ein kleines Problem aufgetreten bei den Anti-Doping-Meldeauflagen. Ist das noch im Hinterkopf?
Ja, ist es. Die Wunde sitzt tief, ganz klar. Ich habe mich tatsächlich schon im Jahreswechsel bei der NADA (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland) und beim DOKR (Deutsches Olympiade-Komitee für Reiterei) angerufen und kontrolliert, ob alles richtig ist.
Haben Sie die Olympischen Spiele 2028 im Blick?
Ich würde nicht direkt sagen, ich habe sie im Blick, sondern ich würde es mir natürlich wünschen. Aber ich mache genauso weiter, wie bisher auch und konzentriere mich erstmal auf die WM.
Pferde sind Ihr Leben, oder?
Auf jeden Fall. Pferde und Reitsport sind eine Lebenseinstellung. Das ist kein Sport, den man zweimal die Woche trainiert und dann zum Wettkampf fährt. Wir sind jeden Tag eigentlich 24/7 im Stall, auch an Weihnachten, auch an Silvester, auch an Sonntagen, und umsorgen unsere Pferde mit viel Liebe und Fürsorge. Der sportliche Erfolg ist nur das i-Tüpfelchen.
2024 haben Sie sich mit Ihrer Partnerin Selina Söder auf Gut Weigelschwaig selbstständig gemacht. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt?
Für mich war es nie eine Frage des Ob, sondern nur des Wann. Die Selbstständigkeit war meine Mission von Anfang an. Ich wusste genau, ich werde schon merken, wenn ich so weit bin. Wir haben dann unsere Köpfe zusammengesteckt, viel überlegt und nach einem Stall gesucht. Jetzt sind wir unheimlich happy hier.
Was macht Sie beide als Team aus?
Wir teilen eine unheimliche Hingabe für die Sache, fürs Pferd. Was mir vielleicht nicht auffällt, fällt ihr auf und andersrum. Sie ist eine große Unterstützung und wird mich auch zur WM begleiten.
INTERVIEW: LAURA FORSTER