Die Mentalistin

von Redaktion

Ausnahmetalent Varfolomeev: Bei der WM mit Köpfchen zu Gold

Verzaubert die Fans: Darja Varfolomeev, im kleinen Bild oben mit Teamchefin Sawade, ist die Überfliegerin in der Rhythmischen Sportgymnastik. Folgen ihre Festspiele bei der Heim-Weltmeisterschaft? © Matthey/dpa

München/Frankfurt – Die Weltmeisterschaft im eigenen Land. 4000 Fans in der Frankfurter-Festhalle. Und alle Augen werden auf eine 19-Jährige gerichtet sein. Darja Varfolomeev, Dominatorin in der Rhythmischen Sportgymnastik. Olympiasiegerin von Paris, elffache (!) Weltmeisterin, sechsfache Europameisterin. Zu viel Trubel? Zu viel Druck?

Eigentlich kann doch gar nichts passieren, solange die Schildkröte dabei ist. Varfolomeevs Vater gab ihr das kleine Plüschtier mit, als sie im Alter von zwölf Jahren von Barnaul in Russland nach Fellbach an die Stadtgrenze Stuttgarts zog. Die Schildkröte, eine kleine Erinnerung an die 5000 Kilometer entfernte Heimat. Und als Glücksbringer bei jedem Wettkampf in der Tasche.

Varfolomeev vertraut auf Rituale, auf Routinen. „Mit Gott“, sagt ihre Trainerin Julia Raskina-Rizzo mantraartig vor jeder Wettkampf-Übung. Die beiden Worte stehen auch auf den Handgeräten der Überfliegerin. Mentalistin Darja. So viel Körpergefühl die Rhythmische Sportgymnastik erfordert, die Medaillen gewinnt Varfolomeev mit Köpfchen. „Ihre Wettkampfstärke ist unglaublich. Bei vielen ist es so, dass sie im Training besser sind als im Wettkampf. Bei Darja ist es eigentlich genau andersherum“, sagt Isabell Sawade, Teamchefin in der RSG unserer Zeitung: „Sie liefert auf den Punkt ab. Man muss Darja nicht motivieren oder antreiben, das kommt ganz allein von ihr. Sie ist sehr diszipliniert und willensstark.“

Die Ausnahmeathletin hat durch die Erfolge und das harte Training ein Selbstvertrauen aufgebaut, das ihr Lockerheit für die große Bühne gibt. Varfolomeev weiß, was sie kann. Und sie weiß, dass sie abliefert. „Die schönsten Momente sind für mich, wenn im Wettkampf alles zusammenpasst und ich zeigen kann, wofür ich so lange trainiert habe“, sagt die Gold-Favoritin unserer Zeitung: „Die Faszination liegt darin, Dinge, die unglaublich schwer sind, so leicht wie möglich aussehen zu lassen.“

Sawade registriert das gestiegene Interesse an der Rhythmischen Sportgymnastik. Die drei Finaltage am Freitag, Samstag und Sonntag sind bereits ausverkauft. Sawade gibt zu, dass es ein „Balanceakt“ ist: Einerseits ist Varfolomeev der perfekte Motor für die Entwicklung der Sportart in Deutschland, andererseits will man das 19-jährige Juwel nicht verheizen.

Varfolomeev freut sich über Aufmerksamkeit für ihre geliebte Disziplin. „Ich hoffe, dass viele Menschen unseren Sport kennenlernen und sehen, wie viel Arbeit dahintersteckt“, sagt sie: „Wenn dadurch noch mehr Kinder mit der Rhythmischen Sportgymnastik anfangen, wäre das wunderschön.“ In den Einzelentscheidungen und im Mehrkampf hat sie gleich fünfmal die Chance auf Edelmetall.

Es könnten Festtage in der Frankfurter Festhalle werden. Wenn die Mentalistin loslegt. Die Komplexität schwerster Übungen in Eleganz verwandelt. „Darja hat ihren eigenen Stil entwickelt. Sehr kraftvoll, energiegeladen“, sagt Sawade: „Darja ist nicht der klassische Typ, sondern modern, eine richtige Entertainerin.“NICO-MARIUS SCHMITZ

Artikel 1 von 11