Warum tun die sich das an?

von Redaktion

Eine Annäherung an das Gesellschaftsphänomen der Ultrasport-Abenteuer

Beim Germany 3000 wird Deutschland auf dem Rad umrundet.

Nathalie Pohl beim Start in Frankfurt. © Brückner/dpa

Dominik Fechner im Gespräch mit Mit-Organisator Andre Schürrle (li.). © Instagram (2)

Ohne Pause: Bartlomiej Kubkowski schwamm 160 km in 55 Stunden. © Instagram

Beim 99 Laps wurden 1,2-km-Runden gelaufen – Start: alle 15 Minuten.

Die Frage nach dem Warum sollte man beantworten können – so wie Teilnehmerin des Last Soul Ultra.

München – In Runde 87 fing es an, richtig Spaß zu machen. Die meisten der knapp 100 Konkurrenten beim 99-Laps-Eliminationsrennen waren längst ausgeschieden. Aber nicht Dominik Fechner. Der Gröbenzeller rannte schon etliche Stunden die immer gleiche 1,2-km-Runde auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen und hatte über 100 km in den Beinen. Doch dann streikte der bereits angeschlagene Oberschenkel. Die Diagnose ein paar Tage später: ein Ödem und eine leichte Frakturlinie im Oberschenkelhals. Vier bis sechs Wochen Pause. „Das war es wert, das Erlebnis war einmalig. Ich würde es sofort wiedermachen“, sagt der 41-Jährige unserer Zeitung und ergänzt: „Ich hatte keine Bedenken, dass etwas Schlimmes passiert. Und wenn ich danach zwei Wochen nicht gehen kann, ist mir das egal.“

Das Konzept des 99 Laps: Alle 15 Minuten startet eine neue Runde; der Letzte im Ziel scheidet aus. Ähnliche Events oder Ausdauer-Abenteuerprojekte gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Nathalie Pohl begann am Dienstag ihre Rivers-Challenge – die 31-Jährige will in vier Tagen 200 km durch Main und Rhein von Frankfurt nach Köln schwimmen. Der Pole Bartlomiej „Robbe“ Kubkowski durchschwamm jüngst die Ostsee von Schweden nach Polen – nonstop. Für die 160 km benötigte er 55 Stunden. Zwischendrin halluzinierte der 31-Jährige. Am 5. September findet der Backyard Ultra in Oberschleißheim (weitere bayerische Beispiele siehe Kasten) statt. Schon jetzt haben sich über 500 Verrückte angemeldet.

„Ein Marathon zu laufen, ist heute schon fast lächerlich“, stellt Prof. Ingo Froböse fest. Alles wird extremer und überdimensionierter. Die Sozialen Medien befeuern dieses gesellschaftliche Phänomen. „Die Leute wollen zeigen, wie toll sie sind, und entfernen sich von der Normalität“, sagt der Ex-Leichtathlet und emeritierte Universitätsprofessor der Deutschen Sporthochschule Köln. Nicht ohne Folgen. Neueste Untersuchungsergebnisse zeigen, dass ausufernde Ausdauerbelastungen die Proteinsynthese im Körper schädigen und damit das Alzheimerrisiko in 10 bis 20 Jahren erhöhen können.

Naheliegender sind Verletzungen an Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken. Auch das Immun- und das Herz-Kreislauf-System werden stark angegriffen. Knackpunkt ist das Ausgangsniveau. Ein Anfänger benötigt mindestens sechs Monate Vorbereitung für einen 42-km-Lauf, besser wären 333 Tage. Im Nachgang ist das Immunsystem erst nach zwei bis drei Monaten wieder voll intakt. Die biologischen Prozesse sind es auch, die Froböse interessieren, denn trotz jahrzehntelanger Forschung „wissen wir noch gar nichts über unseren Körper“.

Dominik Fechner trainiert seit drei Jahren strukturiert, läuft 50 km pro Woche, mehrere Marathons im Jahr und ist Hyrox-WM-Teilnehmer. Ob er Hobbyläufern eine Teilnahme empfehlen würde? „Auf gar keinen Fall. Die Leute wollen oft zu schnell zu viel.“ Er selbst würde auch nie beim Last-Soul-Ultra (jede Stunde eine 6,7-km-Runde, bis nur noch einer steht) starten. „Weil es kein fest definiertes Ende gibt. Da macht man sich komplett kaputt.“

Grenzen werden regelmäßig überschritten. Generell gilt: Wer besser trainiert ist, verträgt mehr. „Der Körper ist ein Wunderwerk“, sagt Professor Froböse. Theoretisch könnte ein Mensch mit den rund 70 000 kcal, die man in Form von Fett an seinem Körper herumträgt, einmal um die Welt laufen. „Das ist keine energetische Frage“, so Froböse, der früher an Kilometer 80 des ersten 100-km-Laufs in Deutschland wohnte und sich schon damals fragte: „Wie können Menschen so etwas machen?“

Fechner hat das Format „gelockt“. Er wollte wissen: „Wie weit komme ich? Wie reagiert mein Körper?“ Ob Neugier, Abenteuerlust oder der Drang zur Selbstdarstellung – man muss sein „Warum“ kennen. Um den Voyeurismus des Publikums zu befriedigen. Das lechzt nach immer verrückteren Ideen. Den kalifornischen Wüstenlauf des Berliner Arda Saatci verfolgten im Mai zeitweise zwei Millionen gleichzeitig über alle Kanäle hinweg. Genauso viele Zuschauer hatte Eurosport beim Wimbledon-Finale von Alexander Zverev.

Auch auf Fechners Instagram-Account (3500 Follower), den er bisher zum Spaß mit Beiträgen seines Trainerdaseins beim Münchner Pace-Cub-Ableger fütterte, blieben die Reaktionen nicht aus. 50 bis 70.000 Aufrufe generiert er früher pro Monat. Seit 99 Laps sind es rund 320.000. Selbst Ingo Froböse kann sich nicht den sportlichen Kuriositäten nicht verschließen. „Ich finde es nicht gut, aber faszinierend.“MATHIAS MÜLLER

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