Steffen Bringmann gewann 1986 EM-Silber. © Imago
„Der Zuspruch, das Team in meinem Rücken, das verleiht mir Flügel“, sagt Owen Ansah. © Laage/Imago
Romell Glave (l.) siegt über die 100 m, Owen Ansah sicherte sich die Bronze-Medaille. © Akmen/EPA
Birmingham – Owen Ansah spazierte langsam und etwas verloren wirkend über die blaue Bahn des Alexander Stadiums, die deutsche Fahne auf den Schultern, ein Lächeln im Gesicht. Eine Ehrenrunde verkniff sich der Hamburger nach seinem Sprint zu EM-Bronze, still genoss er den süßen Moment und blendete dessen salzigen Beigeschmack aus.
„Ach, ich bin einfach nur glücklich. Ich bekomme unglaublich viel Zuspruch, auch aus Deutschland“, sagte Ansah. Im 100-m-Finale von Birmingham hatte er den größten Erfolg seiner Karriere gefeiert. Einer Karriere, die angesichts der drohenden Vier-Jahres-Sperre wegen eines – so der Vorwurf – verweigerten Dopingtests alsbald in Trümmern liegen könnte.
„Diese Medaille war mein großes Ziel“, sagte der 25-Jährige, der sich in 10,19 Sekunden bei strammem Gegenwind nur den Briten Romell Glave (10,09) und Jeremiah Azu (10,16) geschlagen geben musste. Ansah hat seine Medaille, er will am Freitag über 200 m, „das traue ich mir zu“, eine zweite gewinnen. Dabei ist völlig offen, wie lange er die erste behalten darf.
Er verspüre „keine Angst“, dass er Bronze verlieren könne, sagte Ansah, „Ich vertraue auf mein Team, das hinter mir steht. Ich kann das andere nicht beeinflussen. Ich kann nur beeinflussen, wie schnell ich auf der Bahn bin. Und das habe ich heute gut gezeigt.“
Dabei ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die erste deutsche Männer-Medaille seit 1986 zeitnah per Paketpost in den Niederlanden beim viertplatzierten Elvis Afrifa landet und das deutsche Warten auf einen Medaillen-Nachfolger von DDR-Sprinter Steffen Bringmann vor 40 Jahren weitergeht.
Sobald Ansah, der Anfang Juli einem Kontrolleur die Probenabgabe verweigerte, in den Sanktionsvorschlag der Nationalen Anti-Doping-Agentur einwilligt, die ihn vier Jahre sperren will (oder drei Jahre, wenn Ansah binnen 20 Tagen ab Erhalt des Sanktionsbescheids zustimmt), sind alle Erfolge seit dem Testtag futsch. Gleiches gilt, wenn eine andere Instanz im NADA-Sinne entscheidet.
Da Ansah, der nicht zustimmen will, nicht suspendiert ist, darf er vorerst weiterlaufen. Allerdings verzögert sich damit auch der Beginn einer möglichen Sperre. Alles in allem eine sehr missliche Situation für ihn, die er aber in Birmingham erstaunlich gut ausblendete. „Der Zuspruch, das Team in meinem Rücken, das verleiht mir Flügel“, sagte Ansah.
Am Tag danach berichtete ARD-Investigativjournalist Hajo Seppelt, dass Ansah zumindest in einem Punkt nicht die Wahrheit sagte. Der Läufer erzählte in Birmingham, dass er von der NADA nicht über mögliche Konsequenzen informiert worden sei. Nach ARD-Informationen sei das aber sehr wohl geschehen, Ansah habe ein entsprechendes Formular dazu unterschrieben.