Backyard-Legende Harvey Lewis. © Foto: Instagram
Brennt für den Sport: Kim Gottwald. © Nolan Standifer
München – Es waren 57 Stunden, die das Leben von Kim Gottwald verändert haben. Im Mai 2025 nahm er auf einer texanischen Farm am „Go One More Ultra“ teil. Auf einer festgelegten Strecke müssen beim Backyard-Ultra 6,7 Kilometer zurückgelegt werden. Zu jeder vollen Stunde müssen die Teilnehmer wieder an der Ziellinie stehen. So lange, bis nur noch einer übrig bleibt.
In Texas gab es ein Unwetter, das Gottwald und seinen Kontrahenten Kendall Picado Fallas nach 382 Kilometern stoppte. Es schien so, als könnte nur eine Naturgewalt die beiden Lauf-Roboter aufhalten. Gottwald dachte zwischenzeitlich, er würde einen Einkaufswagen über den Weg schieben: „Man hat keine richtige Kontrolle mehr. Man fühlt sich, als würde man sich selbst verarschen.“ Die Follower-Zahlen des deutschen Extremläufers explodierten, von 50.000 auf über 200.000. „Das Leben hat sich über Nacht verändert“, sagt er unserer Zeitung.
Gottwald kann von dem Sport leben, hat mit Rappid eine eigene Sportbekleidungsmarke. Vergangenes Jahr veranstaltete der 22-Jährige gemeinsam mit André Schürrle seinen eigenen Backyard-Ultra, den „Last Soul Ultra“. Laufen, bis die letzte Seele fällt. An diesem Freitag geht es wieder los, und alles wird eine Nummer größer. Rund 500.000 Euro wurden investiert, über 100.000 Zuschauer werden im Livestream erwartet. „Seit Oktober 2025 haben wir durchgehend geplant“, sagt Gottwald: „Ich bin überzeugt, dass das Event einen Meilenstein in dem Sport setzen wird.“
Es gibt einen durchgehenden Stream, mit Moderatoren auf Deutsch und Englisch. KI-gestützte Systeme verraten beim Live-Tracker nicht nur die genaue Position der Teilnehmer, sondern auch die Geschwindigkeit und wann die Runde voraussichtlich beendet wird. Zudem werden Drohnen mit Nachtsichtkamera bei der Übertragung eingesetzt. „Und was die Athleten angeht, haben wir die Crème de la Crème des Ultrasports dabei.“ Unter anderem wird Legende Harvey Lewis aus den USA eingeflogen. Der Lehrer verpasst dafür sogar die erste Schulwoche, nach Erlaubnis des Direktors. Der ehemalige Weltrekordhalter hat schon 108 Stunden durchgehalten, der deutsche Rekordhalter Hendrik Boury (100 Runden) ist ebenfalls beim Event dabei.
Und was reizt einen daran, über Tage dieselbe Strecke zu laufen? Mit kaum Schlaf? „Es ist offensichtlich nicht gesundheitsfördernd“, sagt Gottwald: „Aber in diesen Momenten, in denen du an dein Limit gehst, Grenzen verschieben musst, raus aus der Wohlfühlzone, besinnst du dich ganz zentral auf das, was dir wichtig ist. Diesen Zustand kannst du nicht künstlich erzeugen im Alltag. Man lernt in so einer extremen Situation so viel über einen selbst.“NICO-MARIUS SCHMITZ