Der Weltmeister ist auch Europameister: Leo Neugebauer strahlt mit der Goldmedaille um die Wette. © Vaughan/EPA
Der letzte Wassergraben: Lea Meyer auf Medaillenkurs liegend im Sturzpech. © Akmen/EPA
Diskussion mit den Wettkampfrichtern. © Hoppe/dpa
Gesa Felicitas Krause ist zum dritten Mal die Königin über die Hindernisse. © Josek/dpa
Birmingham – Völlig entkräftet lag Leo Neugebauer auf der Ziellinie. Er wusste hier noch nicht, dass sein letzter Kraftakt über die 1500 Meter für EM-Gold gereicht hat. Im Sekundenkrimi setzte sich der Zehnkampf-Star gegen seinen Landsmann Niklas Kaul durch, der Silber holte. Deutlich entspannter ins Ziel gelaufen ist nur wenige Minuten zuvor Gesa Felicitas Krause. Die 34-Jährige krönte sich zum dritten Mal zur Europameisterin über 3000 Meter Hindernis. Beide Disziplinen boten einiges an Dramatik.
Eine peinliche Panne hat im Zehnkampf-Wettbewerb bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham für Chaos und Wirrwarr gesorgt. Einige Mehrkämpfer, darunter Neugebauer, überquerten in brütender Mittagshitze vermeintlich die Höhe von 4,80 Metern. Das Problem: Die Höhe der Stabhochsprung-Latte wurde von den Kampfrichtern nicht auf 4,80 Meter eingestellt. Stattdessen lag die Latte noch bei der vorherigen Höhe von 4,70 Metern.
„So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte der angefressene Neugebauer, der sich bei einem Sprung an der Wade verletzte. Als dann tatsächlich 4,80 Meter aufgelegt wurden, gelang dem Olympia-Zweiten kein gültiger Versuch mehr. Ein Protest wurde nach Angaben von Bundestrainer Jörg Roos zunächst abgelehnt, später dann doch stattgegeben. Neugebauer schaffte es letztendlich über 4,90 Meter. „Am Ende ist es nochmal gut gegangen. Das hat definitiv Kraft gekostet“, sagte er.
Niklas Kaul musste bei der Höhe von fünf Metern lange warten – für eine beschädigte Latte brauchte es erst Ersatz. „Das hat mir ganz schön den Stecker gezogen“, sagte Kaul und fand auch zum Chaos in der anderen Gruppe deutliche Worte: „Für die anderen war es absoluter Quatsch, das darf nicht passieren bei Europameisterschaften, vielleicht bei Kreismeisterschaften.“
Mit dem Speer und auf den 1500 Metern blies Kaul noch einmal zur Aufholjagd. Am Ende fehlten ihm lediglich 38 Punkte auf die 8611 Zähler des neuen Europameisters. Neugebauer dominiert also weiter die Szene. Nach dem deutschen Rekord und den Titeln bei der WM und EM fehlt eigentlich nur noch olympisches Gold.
Gestürzte Meyer kritisiert Krause
Die Kampfrichter spielten bei den 3000 Meter Hindernis keine Rolle. Hauptfigur Felicitas Krause lief ein abgeklärtes Rennen, ließ im Schlussspurt alle hinter sich und gewann ihren ersten EM-Titel als Mama. Die 34-Jährige aus Trier setzte sich am Donnerstagabend vor Alice Finot (Frankreich) und ihrer Teamkollegin Olivia Gürth durch. Lea Meyer strauchelte beim letzten Durchgang am Wassergraben und wurde schlussendlich nur Vierte.
„Mir fehlen fast ein bisschen die Worte“, sagte Krause im ZDF: „Ich bin einfach unfassbar dankbar, dass dieser Rennplan heute so aufgegangen ist, dass ich trotz der ganzen Nervosität dann heute im Rennen ganz bei mir war. Ich fühle mich so gut, es macht mir Spaß, es ist mein Leben und ich habe mir irgendwie mein eigenes Lebenswerk damit geschaffen.“
Nach acht Jahren ist die schnellste Mama der Hindernis-Welt wieder die Königin Europas: „Dieses Gold nach acht Jahren ist wunderschön. Ich darf wieder die Hymne hören, vielleicht ist es das letzte Mal.“ Felicitas Krause hatte bereits 2016 und 2018 im Hindernisrennen gesiegt, zudem holte sie 2012 Bronze und 2021 Silber. Nun krönte sie mit 34 Jahren ihre Karriere – vorerst.
Meyer diktierte lange das Tempo und schob nach ihrem Sturz ordentlich Frust. „Ich finde, ich hätte die Medaille verdient“, sagte sie. Krause, die im Schlussspurt an Meyer vorbeizog, hielt sich fast den ganzen Lauf über im Windschatten auf. „Also das ist einem ja bewusst: Gesa will einfach keinen Meter was machen. Die sitzt es aus und rennt da hinten raus“, sagte Meyer. Sie stürzte am letzten Wassergraben und fiel dann noch hinter Olivia Gürth zurück, die die Bronzemedaille gewann.
Zu ihrem Sturz sagte Meyer, sie sei „sauer, sehr, sehr auf mich selber. Das habe ich mir selber eingebrockt.“ Trotzdem kündigte sie bereits Großes für die olympischen Spiele 2028 in den USA an. „Spätestens in LA stehe ich als deutsche Rekordhalterin da“, sagte die 28-Jährige im ZDF.DPA