Jung bleibt der König der Vielseitigkeit

von Redaktion

WM-Trauma überwunden: Mit Chipmunk trotzt er dem Schatten der Vergangenheit

Tolles Team: Michael Jung auf Chipmunk. © Anspach/dpa

Aachen – Das Aachener Publikum hielt kollektiv den Atem an, als Michael Jung und sein Chipmunk sich an diesem schicksalshaften letzten Hindernis in die Höhe katapultierten. Dann riss der neue Weltmeister der Vielseitigkeit euphorisch die Faust in die Höhe – und die angespannte Stille explodierte in ohrenbetäubendem Applaus.

Beim großen Showdown in der Soers behielt der viermalige Olympiasieger im abschließenden Springen die Nerven. Vier Jahre nach dem knapp verpassten Triumph von Italien, als das Duo im Springen noch Gold vergab, arbeitete der Erfolgsreiter damit in beeindruckender Manier auch sein ganz persönliches Trauma auf.

Neben dem zweiten Einzel-Weltmeistertitel seiner Karriere nach 2010 darf sich Jung mit der deutschen Equipe (95,6 Minuspunkte) zudem über Teamsilber hinter Großbritannien freuen (84,0). Auch in der Individualwertung waren die Britinnen Rosalind Canter (23,4) und Laura Collett (28) auf Platz zwei und drei seine stärkste Konkurrenz.

Für die Mannschaft überzeugte vor allem Malin Hansen-Hotopp auf Platz 9, Tokio-Olympiasiegerin Julia Krajewski beendete das Event auf Rang 17. Die 24-jährige Libussa Lübbeke lieferte bei ihrem ordentlichen Championats-Debüt das Streichergebnis (41.). Einzelreiter Christoph Wahler fiel nach zwei Fehlern im abschließenden Springreiten deutlich zurück (16.).

Unter dem angespannten Raunen der Zuschauer war Jung als Schlussreiter auf das berühmte Grün im Hauptstadion geritten – und mit ihm die Schatten der Vergangenheit. Bei der letzten WM scheiterte er mit Chipmunk in Führung liegend auf der Zielgeraden, ausgerechnet die Stange des letzten Hindernisses polterte damals unsanft zu Boden.

So war das gesamte Stadion nervös verstummt, als das Duo voller Konzentration auf die letzte Schlussgerade zugallopierte. Doch dieser verflixte letzte Hinderniskomplex Nummer 13 sollte in der Nachmittagssonne Aachens nicht zum Problem werden.

Schon nach dem furiosen Auftritt im Gelände hatte Jung Lobeshymnen auf sein „unglaubliches Pferd“ gesungen, auf den letzten Metern hatte der bereits 18 Jahre alte Wallach den Turbo gezündet – und seinen Reiter, nach der Dressur noch Dritter, an die Spitze des Gesamtklassements katapultiert. „Mir fehlen die Worte“, erklärte der 44-Jährige im Anschluss: „Es ist eine solche Ehre, dieses Pferd zu haben.“

Und Jung selbst? Ist und bleibt der Mann der Rekorde: 2010 sicherte er sich bei den Weltreiterspielen in Lexington seinen ersten Einzeltitel überhaupt bei einem Großereignis – es folgte eine außergewöhnliche Reise: Drei seiner vier olympischen Goldmedaillen holte er im Anschluss mit dem legendären Sam, in Paris wurde dann auch Chipmunk endlich zum Gold-Pferd. Nach dem Drama 2022 schließt sich der Kreis des Duos nun endgültig.SID

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