Deardorff-McClain am legendären Mont Ventoux.
Radsportbegeistert: McClain und ihr Mann.
Pionierinnen: Nan Deardorff-McClain (4. v. r.) mit der damaligen Mannschaft der USA.
„Ikonisches Rennen“: 1987 startete Nan Deardorff-McClain bei der Tour de France féminin. © Privat (4)
Nan Deardorff-McClain und das Rad, die Liebe hält an. Die Amerikanerin besuchte die diesjährige Ausgabe der Tour de France Femmes, fuhr sogar den Mont Ventoux hoch. 1987 ist Deardorff-McClain selbst bei der Tour gestartet, zwischen den beiden Erfahrungen liegen Welten. Heute wohnt die 62-Jährige im niederländischen Delft, lebt sich kreativ als Mosaik-Künstlerin aus – und surft in Frankreich oder Costa Rica. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Deardorff-McClain über die Welt des Frauenradsports in den Achtzigern.
Nan Deardorff-McClain, Sie waren dieses Jahr bei der Tour de France der Frauen und sind den Mont Ventoux hochgefahren. Was war das für ein Gefühl?
Das war eine riesige Party in den Bergen. Ich war mit einer Gruppe von Frauen unterwegs, die durch ihre Leistungen im Radsport inspirieren. Unter anderem Lael Wilcox, sie ist in 108 Tagen mit dem Fahrrad um die Welt gefahren. Diese Tage waren einfach nur magisch. Ich werde emotional, wenn ich sehe, wie sich der Frauen-Radsport, besonders die Tour, entwickelt hat. Das ist phänomenal. Es hat ja nur 30 Jahre gebraucht, bis TV-Sender über uns berichten (lacht). Als es 2022 die erste Austragung der Tour de France Femmes gab, war ich besorgt: Werden es genug Leute verfolgen? Während meiner aktiven Zeit sind wir vor den Männern gefahren. Die Zuschauer waren also schon da, um die Tour zu verfolgen, und wir waren das Nebenprogramm. Aber jetzt steht der Frauenradsport komplett auf eigenen Füßen.
Wie sind Sie in den Achtzigern auf die Idee gekommen, sich dem Radsport zu verschreiben?
Fahrradfahren war dieses seltsame, neue Ding. Ich bin in Colorado aufgewachsen, habe an einem Samstagmorgen ein Rennen an meinem Haus vorbeifahren sehen und mich in diesen Sport verliebt. Mein Vater hat mir mit 18 Jahren das erste Rennrad gekauft. Er war etwas geschockt von den Kosten: 350 Dollar. Der Frauenradsport war damals eine ganz andere Welt. Da musste man nur auf das quasi nicht vorhandene Preisgeld schauen … Ich war bei einem Rennen, da waren nur zwei Fahrerinnen: Eine zwölfjährige Konkurrentin – und ich (lacht).
Finanziell dürfte es damals schwierig gewesen sein. 1984 gewann der Sieger der Tour, Laurent Fignon, umgerechnet 225.000 Euro. Für Marianne Martin gab es hingegen nur 1000 Euro.
Ich habe es heute noch im Blut, dass ich extrem auf mein Geld achte und es nicht einfach so ausgebe. Das ist eine tiefe Narbe davon, Radfahrerin in den Achtzigern gewesen zu sein (lacht). Im Motelzimmer für zwei Personen haben wir vier zusätzliche Personen hineingeschmuggelt und eine Münze geworfen, wer auf dem Lattenrost oder dem Boden schlafen muss. Wir haben uns gezielt All-you-can-eat-Restaurants rausgesucht. Da gab es ein italienisches Restaurant: Für zwei Dollar konnte man so viel Pasta essen, wie man schafft. Ich hatte fünf Teller und habe dort den Frauenrekord aufgestellt (lacht). Vermutlich hätte der Laden Radfahrer am liebsten von diesem Angebot ausgeschlossen. Es gab eine Fahrerin, sehr talentiert, die kein Team hatte. Sie hat unter der Woche als Erotik-Tänzerin gearbeitet, um sich die Rennen am Wochenende zu finanzieren. Wir waren geschockt, als wir das gehört haben. Das war wirklich ein neues Level an Passion für unseren Sport (lacht).
Heute ist die Ernährung eine eigene Disziplin. Wie war das damals?
Es war grausam. Damals gab es die Empfehlung der US-Lebensmittelbehörden, dass Fett der Gesundheit schadet und man als Sportler nur auf Kohlenhydrate setzen soll. Fettfreier Frozen Yogurt war also das Beste, was man damals essen konnte (lacht). Ich war eigentlich ständig hungrig und mein Blutzucker ist regelmäßig eingebrochen. Die Empfehlungen damals waren wirklich absurd.
1987 sind Sie bei der Tour de France féminin gestartet. Eine schöne Erfahrung?
In den USA sind wir auf Kursen in Gewerbegebieten gefahren, damit keine Straßen gesperrt werden mussten. Und dann komme ich nach Europa und dachte mir nur: Das hier ist eine ganz neue Welt. Mit der Karawane von Stadt zu Stadt fahren. Es war unglaublich, die französischen Pässe hochzufahren. Es wurde einem schwindelig, wenn man durch diesen Tunnel von feiernden Menschen gefahren ist. Ich musste mich mehrmals kneifen: Passiert das hier gerade wirklich? Es war wirklich hart, nach der Tour wieder in Colorado fahren zu müssen (lacht). Es ist großartig, ein Teil von so einem ikonischen Rennen gewesen zu sein und es auch zu beenden. Auf Platz 53 von 85. Damals war mir das nicht bewusst, aber wir waren Pionierinnen für die heutige Generation. Genau wie die heutige Generation die Jugend inspiriert.
Kam bei Ihnen schon mal der Gedanke auf: In der heutigen Zeit wäre ich gerne noch mal Profi?
Ein Wort: Nein (lacht). Unsere Rennen waren damals viel kürzer. Ich war damals jung, habe mich unbesiegbar, unsterblich gefühlt. Die Dynamik in den heutigen Rennen, das Tempo, das ist unglaublich gefährlich. Ich fahre immer noch Rennen, aber nur auf Zwift. Ich bin nicht neidisch auf die heutige Generation und die Möglichkeiten. Wobei … Diese riesigen Teambusse mit Waschmaschinen in der Ausstattung … Wir hatten damals nur zwei Sets an Radkleidung und haben jede Nacht gewaschen. Irgendwann konnte man die Nummern gar nicht mehr lesen (lacht). Ach ja, und Eiswesten, die hätten wir damals auch schon gebrauchen können.
IV.: NICO-MARIUS SCHMITZ