Kurzbesuch in München: Draisaitl vergangenen Donnerstag beim FC Bayern. © Matthias Balk/dpa
Noch ist das Stanley-Cup-Fenster offen: Leon Draisaitl will mit den Oilers weiter angreifen. © SEAN M. HAFFEY/AFP
München – Eishockey-Profis in Nordamerika sind viel unterwegs für 84 Saisonspiele plus Playoffs. Deutschlands Superstar Leon Draisaitl (Edmonton Oilers) sammelte auch im Sommer Flugmeilen. Vergangene Woche kam er extra für die Präsentation der Partnerschaft des FC Bayern mit der NHL und PR-Aktionen der Liga für zwei Tage aus seinem Sommersitz in Toronto nach München. Unsere Zeitung traf den 30-Jährigen zum Interview.
Leon, nachdem Sie mit den Edmonton Oilers Ende April in der ersten Runde der Playoffs ausgeschieden waren, haben Sie eine bemerkenswerte Pressekonferenz gegeben, in der Sie Ihren Club, das Team, aber auch sich selbst kritisierten. Die nordamerikanischen Medien skizzierten die 15 Minuten als „eine Bombe nach der anderen“. Hat die Brandrede was verändert?
Es war einfach nur eine Zusammenfassung, wie ich es sehe und auch andere: Dass wir letzte Saison einen Schritt zurückgemacht haben. Es ging darum, das zuzugeben, ehrlich zu sein. Jetzt müssen wir den Schritt nach vorne wiederfinden. Wir haben hohe Ansprüche an uns, wir wollen gewinnen.
Ist im Sommer auf Management-Ebene das Richtige passiert?
Das sieht man irgendwann, ob es funktioniert. Aber ich glaube, dass wir die richtigen Züge gemacht haben und eine gute Mannschaft werden können. Ich freue mich jedenfalls darauf.
Kernthema ist die Neubesetzung des Cheftrainerpostens mit Mike Babcock. Zusammengefasst: ein Coach der alten Schule, autoritär und nach einigen Vorfällen seit drei Jahren aus dem Geschäft gewesen. Die Personalie zieht bis jetzt eine heftige Kontroverse nach sich. Sie waren an Babcocks Einstellung beteiligt, haben sich mit Connor McDavid und Zach Hyman als Leadership Group mit Babcock getroffen.
Die Gespräche waren super. Was wir als Mannschaft brauchen, dafür ist er der richtige Mann. Er ist heiß auf den Job und freut sich sehr, wieder in der Liga zu sein. Wir wissen alle, dass sehr viel Gepäck mit ihm kommt. Wir haben das sofort angesprochen, das wurde klar auf den Tisch gelegt.
Worin ist Babcock gut?
Wie jeder Spieler hat ein Trainer Stärken und Schwächen. Ich will überhaupt nicht sagen, dass Babs sehr viel besser ist als der Kris (Knoblauch, der Vorgänger, d. Red.). Wir hatten eine gewisse Zeit diese ,Players‘ Coaches‘, die ganz feine Menschen waren und auch wirklich gute Trainer und abgeliefert haben – aber ich glaube, dass wir jetzt einfach einen neuen Zug und Impuls in der Mannschaft brauchen.
Inklusive Arschtritt?
Absolut, das muss auch so sein. Wir sind alle gestandene Männer, haben Familien und können damit umgehen, wenn es mal lauter wird. Das muss nicht in jedem Spiel sein, dann bringt das auch nichts, doch ich denke, Babs hat da eine gute Linie. Es ist ihm egal, ob es der Herr McDavid oder der Herr Draisaitl oder jemand aus der vierten Reihe ist. Ich erwarte, dass wir es gut annehmen, gleich behandelt zu werden, weil wir es brauchen und wollen.
Über die Trainer alter Schule sagt man, sie würden nur mit den Führungsspielern reden. Steht das auch bei Babcock zu befürchten?
Es gibt heutzutage keinen Trainer, der nicht versteht, dass man auch die jungen und die Rollenspieler mitnehmen muss. Wie seine Kommunikation letztlich sein wird, das werde ich aber auch erst miterleben. Ich habe vieles gehört, viele Leute gefragt, Zach Hyman hatte ihn als Trainer in Toronto und war nur positiv.
Edmonton wartet seit 36 Jahren auf den Stanley-Cup-Gewinn, sollte nach Expertenmeinung mit Ihnen und Connor McDavid als den herausragenden Spielern dieser Zeit längst dran sein. Schließt sich bald das Stanley-Cup-Fenster?
Das ist der Grund, warum wir das angehen. Jünger werden wir nicht, es ist unfassbar schwer, dorthin zu kommen. Wir wollen uns das Fenster so lange wie möglich offen halten.
In der NHL gibt es den Salary Cap, eine strenge Obergrenze für das, was ein Club fürs Personal ausgeben darf. Normal ist bei den Oilers jeder Dollar verplant, nun sind im Etat noch fast fünf Millionen frei.
Es ist ein gutes Gefühl, wenn man in die Saison reingeht und weiß: Wir haben ein bisschen Flexibilität – anders als in den Jahren davor.
Edmonton steht für Offensivspektakel, aber defensive Nachlässigkeit, jahrelang war von einem Torhüterproblem die Rede. Nun haben die Oilers zwei neue Goalies verpflichtet, von denen einer, der Däne Frederik Andersen, mit Carolina gerade den Stanley-Cup gewonnen hat. Geplant ist wohl eine Dreier-Rotation im Tor.
Wir waren zwei Jahre (2024 und 25, d. Red.) im Finale. Wären wir so schlecht im Verteidigen, hätten wir das nicht geschafft. Letzte Saison war halt der Schritt zurück. Er wird uns helfen, mit Frederik eine andere Perspektive zu bekommen. Wir hatten über Jahre die gleiche Verteidigung, die gleichen Torhüter – jetzt kommt einer von außen. Die Goalies werden sich gesund batteln, das wird passen.
Apropos gesund: Sie waren im Frühjahr am Knie verletzt, kamen zur Behandlung nach München zu Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Die Playoffs konnten Sie danach bestreiten. Wie geht es Ihnen jetzt?
Zum damaligen Zeitpunkt war das gut, es hat mir geholfen. Es ist eine Verletzung, die man leider für ein paar Monate spürt. Aber ich habe das Training angepasst, es limitiert mich nichts im Gym. ich fühle mich gut und stark. Seit einem Monat bin ich auch fünfmal die Woche, von Montag bis Freitag, auf dem Eis.
Vor einem Jahr haben Sie im Sommer in Toronto bei einer Hobbymannschaft in der „Beer League“ mitgespielt. Diesmal auch?
Ein Spiel, ja. Ganz schlecht war ich. Ein Assist.
Ein Thema, das dringend noch geklärt werden muss: Bei Olympia in Mailand wurden Sie gesichtet, wie Sie auf der Bank eine Tüte Senf in den Mund schoben, um verlorene Mineralstoffe zu substituieren. Grundsatzfrage: Senf süß oder scharf?
Scharf. Auf der Bank auf jeden Fall, das ist genau der Faktor.
INTERVIEW: GÜNTER KLEIN