Der Gesichtsausdruck von Novak Djokovic, der noch während seines Erstrunden-Matches bei den US Open die Tränen nicht zurückhalten konnte, war vielsagend. Es schien so, als würde der erfolgreichste männliche Tennisspieler aller Zeiten endlich nachgeben. Vielleicht fühlte er sich tief im Inneren auch ein Stück weit erlöst. Seit mehreren Jahren schreit Djokovics Körper ihn förmlich an, dass es endlich genug sei. Genug mit der Schinderei, genug mit den 5-Stunden-Marathon-Matches bei engen Grand-Slam-Duellen. Lange hat sich der 39-Jährige dagegen gewehrt, nun ist es gut möglich, dass er zuhört.
Nachdem Djokovic zum ersten Mal in der ersten Runde bei den US Open ausgeschieden war (20 Teilnahmen), gab er zu, er hätte die gesamte Saison schon während der Matches mit Übelkeit zu kämpfen. Nun gipfelte es darin, dass er sich mehrmals auf dem Platz übergeben musste. Und sein Rücken plagt ihn ohnehin schon seit Jahren.
Aber in seinem Kopf, in seinem unbedingten Willen hatten körperliche Probleme keinen Platz. Seit drei Jahren jagt der Serbe seinen 25. Grand-Slam-Titel – erfolglos. Mit Jannik Sinner, Carlos Alcaraz und Alexander Zverev ist die Konkurrenz enorm. Doch der Djoker hatte immer wieder ein Ass im Ärmel: In guten Phasen, wenn der Körper mitspielt, kann er immer wieder mit den Allerbesten mithalten. Vor allem mit seiner mentalen Stärke zermürbte er seine Gegner – auch nach über 20 Jahren auf der Profi-Tour.
Der Kopf war nie das Problem von Djokovic, aber vielleicht der Grund, warum er nicht auf dem Zenit aufhören konnte. Und das von einem Spieler zu sagen, der bei den US Open als Nummer vier gesetzt war, zeigt, von welch einer Größenordnung hier gesprochen wird. Und trotzdem ist es wohl ein weiteres Beispiel dafür, wie schwer es für Profisportler ist, den perfekten Zeitpunkt zu finden, um sich von der großen Bühne zu verabschieden.
Oder hat er etwa noch einen Djoker? Viereinhalb Monate müsste die Tennis-Legende die Schreie seines Körpers weiterhin unterdrücken. Für einen letzten Angriff auf Titel Nummer 25 – bei seinem Lieblingsturnier in Melbourne.