Auf der Matte immer für Spektakel gut: Barth, Bronze-Gewinner 1972. © imago
Voller Einsatz für Olympia: Paul Barth 2016 in Gröbenzell im Keller seines Hauses mit München-Erinnerungsstücken – heute in Museen in Regensburg und München. © Markus Schlaf
München – „Paule, Paule“ – im olympischen Judoturnier von 1972 waren richtige Schlachtrufe zu vernehmen in der Halle der Münchner Messe. Da machte sich der Heimvorteil von Paul Barth bemerkbar: Der Gröbenzeller trat im Halbschwergewicht an und wurde unterstützt von Hunderten Fans und Berufskollegen. „So ein Gebrüll waren wir im Judo gar nicht gewohnt“, sagte er. Er war ein Olympia-Athlet aus der Mitte der Gesellschaft. Bankkaufmann, stand in Moosach am Schalter. Die ganze Sparkasse schrie für ihn und freute sich mit dem damals 26-Jährigen über den herausragenden Erfolg seiner Karriere auf der Matte: Bronze bei „Olympia dahoam“. Die Momente von damals begleiteten Paul Barth durch sein weiteres Leben, das am Montag mit 80 Jahren endete.
Die Erinnerung an die Spiele von 1972 zu bewahren, wurde zum großen Thema von Paul Barth. Vor allem als Rentner drehte er auf. Im Jahr 2017 appellierte er über unsere Zeitung an alle, die die großartigen Tage von München miterlebt und irgendein Andenken in ihren Schränken oder auf den Speichern hatten, sie doch vom Staub zu befreien und für ein Olympiamuseum zur Verfügung zu stellen. Die Olympiapark GmbH hatte Barth beauftragt, die Sache in die Hand zu nehmen. Alsbald sammelten sich in seinem Keller Olympiabücher, Münzen, Programmhefte, Fackeln, sogar Filmspulen vom DDR-Fernsehen und das Rad, auf dem Silvia Sommerlath, spätere Königin von Schweden in ihrem Hostessen-Dirndl durchs Olympische Dorf gefahren war. Er katalogisierte alles, suchte auch auf Ebay nach Exponaten, „ich habe Zehntausende Euro ausgegeben“. Eine Enttäuschung war, dass die Stadt München die Pläne für ein Museum im Olympiapark mangels passender Räumlichkeiten und Personal nicht durchzog, Barth übergab die 1300 Olympia-Reliquien schließlich ans Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg und ans Münchner Stadtmuseum.
Sein olympisches Erlebnis hatte Paul Barth immer beflügelt. Er gestand allerdings auch, dass es eine Phase gab, in der er die Gefahren des Erfolgs nicht realisiert hatte und das Leben ihn überforderte. Er arbeitete weiterhin bei der Sparkasse, aber auch als Trainer, gründete einen Judo-Club in Gröbenzell, half jungen Olympia-Aspiranten aus München. „Dieses Pensum konnte ich nur mit zu viel Weißbier durchhalten. Ich hatte ein Alkoholproblem.“ Er ließ sich therapieren, wurde trocken – und blieb es auch, als 1996 im Familienurlaub einer seiner beiden Söhne tödlich verunglückte. Ihn selbst hätte es 2020 beinahe erwischt, als er auf dem Vesuv einen Herzinfarkt erlitt und vier Monate im Koma lag. Die Aussicht, fünfzig Jahre Olympia in München feiern zu dürfen, trieb ihn bei der Reha an. Und es ging noch weiter für diesen so gutmütigen wie bodenständigen Menschen.GÜNTER KLEIN