Carlos Gölz beglückwünscht Nicolae Muraresco (re.). © Insta
Mit Stirnlampen durch die Nacht. © Siaulys Pfeiffer
Der Klappstuhl wurde zum Lieblingsort. © Vormstein
Highlight auf der Strecke: Denis Zyulyamov sorgte mit seinem Hühnerkostüm für gute Laune. © Vormstein
Sieger Nicolae Muraresco drehte eine Ehrenrunde.
Last Woman Standing: Delia Binninger. © siaulys pfeiffer (2)
Nach neun Stunden und 60 Kilometern war für mich Schluss. Ich musste die Glocke läuten. © Vormstein
München – Ein paar Stunden sind schon vorbei. Wie viele genau, das weiß ich in meinem Trott auf der Laufstrecke gerade nicht mehr. Meine Schuhe habe ich aber schon gewechselt, es muss mindestens Runde fünf sein – vielleicht sechs. Beim Backyard-Run an der Ruder-Regatta in Oberschleißheim habe ich mir geschworen, so lange zu laufen, bis mein Körper sagt: „Hör auf! Es geht nicht mehr.“ Drei Tage nachdem ich die Glocke geläutet habe, die das persönliche Ringen mit sich selbst beendet, glaube ich zu wissen, warum sich viele dieser Herausforderung stellen.
Dass Menschen immer wieder ihre eigenen Grenzen ausloten und diese auch immer wieder verschieben, liegt in der menschlichen Natur. Die Neugier, zu erfahren, wozu der eigene Körper, der eigene Geist imstande ist, treibt viele zu Höchstleistungen an. Genau darauf zielt das Backyard-Format ab: 6,7 Kilometer müssen innerhalb von 60 Minuten absolviert werden. Immer zur nächsten vollen Stunde startet die nächste Runde, wer nicht rechtzeitig an der Startlinie steht, ist raus.
Doch die Anfangsphase spielt sich noch nicht im Grenzbereich ab. Die ersten Runden gingen mir bei meinem Selbstversuch relativ leicht vom Fuß. Der strömende Regen, der pünktlich zum Start am Samstagvormittag um kurz vor 10 Uhr einsetzte, machte mir nichts aus. Gute Laune versprühte auch ein DJ auf einem Lastenrad, eingepackt in dicke Regencapes. Ich beobachte, mit wem ich so die Strecke teile: Einer trägt eine Lederhose, eine Athletin ist an den Armen und im Gesicht voll mit Glitzer – und in Runde drei (mittlerweile scheint die Sonne) werde ich auf einmal von einem Huhn überholt. Bitte was?! Er will „als Kontrast zu den Verbissenen, die die ganze Nacht hier sind“, auftreten. Ich denke mir derweil, „bin ich hier wirklich richtig?“, während mich der Mann mit dem Hühnerkostüm abhängt.
Das Immer-weiter-Phänomen ist nichts Neues, und vor allem das Backyard-Format lässt Raum für Kritik. Als die zweite Nacht begann – ich war zu dem Zeitpunkt bereits lange ausgeschieden –, standen nur noch vier von etwa 550 Teilnehmern an der Startlinie. Bereit für Runde 34. Mit Stirnlampen und Reflektorenwesten ausgerüstet marschierte das Quartett auf ein Neues los. Doch einer hinkte deutlich, lief in beachtlicher Schräglage. „Das geht so schon seit Stunden so“, höre ich aus dem Camp. Die Gefahr, über sein Limit zu gehen – und sich selbst nachhaltig zu verletzen –, ist bei Menschen, die ihren Geist besiegen oder von ihrer Crew weiter ermutigt werden, besonders hoch.
Das weiß auch die Last Woman Standing Delia Binninger: „Mir war es wichtig, auf meinen Körper zu hören. Ich wollte auf keinen Fall in eine Verletzung laufen.“ Denn die 34-Jährige hat in den kommenden Wochen noch einiges vor, unter anderem steht der Berlin Marathon auf ihrem Programm. Nach 25 Runden (167,5 Kilometer) läutete sie die Glocke. Nach 42 Runden (281 Kilometer) – am Montagmorgen gegen 4 Uhr – stand dann Nicolae Murarescu als Sieger des 4. Munich Backyards fest.
In solchen Sphären war ich nicht ansatzweise unterwegs. Nach etwa 40 Kilometern hatte ich Magenprobleme, alles fühlte sich schwer an. Die Gehpausen häuften sich, das Anlaufen wurde schwieriger. Zwei Runden später war ich endgültig in einem paradoxen Zwiespalt gefangen. Einerseits war ich voller Stolz: „Wahnsinn, du bist gleich bei über 50 Kilometern, das ist die erste Ultra-Marathon-Distanz.“ Zuvor war die längste Strecke, die ich am Stück gelaufen bin, maximal halb so weit. Andererseits kämpfte ich im hinteren Drittel und es schien so, als ob alle um mich herum fitter aussähen. Und hier drifteten meine Gedanken ab: „Wie kann es sein, dass man hier mit 60 Kilometern gerade mal am Durchschnitt kratzt?“, fragte ich mich auf meiner neunten und letzten Runde.
Die verschobene Wahrnehmung – „was ist normal, was nicht“ – ist eines, das ich bei meinem Backyard-Abenteuer gelernt habe. Meine zweite Erkenntnis liegt in der mentalen und emotionalen Auseinandersetzung mit sich selbst auf der Strecke. Als ich endgültig entschieden habe, „das war es!“, ist alle Anspannung für einen Augenblick abgefallen. Kein Schmerz, kein 60-Minuten-Gefängnis, keine Trippel-Geräusche der Laufschuhe, kein lautes Atmen – nur ganz viel Erleichterung: Geschafft!ALEXANDER VORMSTEIN