„Ich würde Podolski schießen lassen“

von Redaktion

Hirnforscher Henning Beck über den Umgang mit Druck und Schmerz im Spitzensport

Redner und Hobbysportler: Henning Beck. © Scherhaufer

Nicht von Pogacar abhängig machen: Radprofi Florian Lipowitz. © Bertorello/AFP

„Wenn mein Leben davon abhängen würde, würde ich Podolski schießen lassen“: Der Rio-Weltmeister ist für Beck der vielleicht beste Elfmeterschütze. © Imago

München – Der Elfmeter im WM-Finale. Der entscheidende Antritt bei der Tour de France. Der letzte Punkt im großen Finale. Warum versagen selbst Weltklasseathleten manchmal genau dann, wenn es darauf ankommt? Der Neurowissenschaftler Henning Beck (42) erklärt, was im Gehirn unter Druck passiert, warum zu viel Nachdenken Leistung zerstören kann – und weshalb Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten der Schlüssel zum Erfolg ist.

Herr Beck, warum scheitern selbst Weltklassesportler genau dann, wenn Leistung am wichtigsten wäre?

Weil Menschen keine Maschinen sind. Unter Druck passiert etwas: Wir konzentrieren uns nicht mehr auf die eigentliche Aufgabe, sondern auf den Druck. In diesem Moment kontrolliert die Situation mich – und nicht ich die Situation.

Wie sieht das aus?

Sehr gute Elfmeterschützen konzentrieren sich aufs Wesentliche: Den Ball zu treffen. Andere denken plötzlich: Bloß nicht verschießen. Bloß nicht den Pfosten treffen. Dieses Nachdenken überlagert das Bewegungsmuster, das eigentlich erfolgreich wäre. Je mehr ich bewusst kontrollieren will, desto schlechter werde ich. Man spricht dabei vom ironischen Fehler.

Was passiert dabei?

Wenn ich mir vorsage: „Nicht an den Pfosten schießen“, muss mein Gehirn dieses Bild zunächst einmal erzeugen. Das muss den Fehler aktiv unterdrücken. Manchmal gelingt das, manchmal passiert ironischerweise genau das, was ich unbedingt vermeiden wollte. Das kennt jeder von uns vom berühmten rosa Elefanten. Unter Druck versagen Menschen nicht, weil sie zu wenig nachdenken – sondern weil sie zu viel nachdenken.

Also ist der krisensicherste Sportler der, der am wenigsten denkt?

Er denkt zumindest im entscheidenden Moment nicht mehr über die Bewegung nach. Lukas Podolski verkörperte das: Nicht viel nachdenken, sondern einfach machen.Top-Schützen haben oft lange vorher entschieden, wohin sie schießen, und rufen dieses Bewegungsprogramm einfach ab. Schlechte Elfmeterschützen beginnen dagegen plötzlich zu analysieren. Sie versuchen, den Torwart auszugucken, und geben dadurch die Kontrolle über die Situation ab.

Ist Druck eine Typenfrage?

Druck kann man trainieren. Es reicht nicht, im Training tausend Elfmeter auf das leere Tor zu schießen. Man muss lernen, mit dem Stress umzugehen. Soldaten, Manager und Spitzensportler simulieren schwierige Situationen. Dazu kommt: Menschen in Drucksituationen meinen oft plötzlich, etwas ändern zu müssen. Oder sie wollen im Finale noch mal extra ein Prozent drauflegen. Nein! Du bist nicht ohne Grund dorthin gekommen.

Können Mannschaften Druck auffangen?

Ja, natürlich. Indem jeder seine Rolle kennt und nicht versucht, für alle anderen mitzudenken. Im American Football hat jeder Spieler eine exakte Rolle, die er konsequent erfüllt. Wobei das Gehirn übrigens in Bildern denkt, nicht in Statistiken. Das Radsport-Team Quick-Step hat sich als „Wolfsrudel“ inszeniert, Visma als „Killerbienen“. Solche Bilder schaffen Identität und geben in schwierigen Situationen Orientierung.

Im Radsport sah man zuletzt bei der Tour de France, dass etwa Tadej Pogacar attackierte und selbst Topfahrer sofort abreißen lassen. Was passiert da im Kopf?

Es ist etwas anderes, ob ich verliere oder ob ich mich besiegt fühle. Mental stabil bleibe ich nur, wenn ich mich auf das konzentriere, was ich selbst kontrollieren kann. Ich fahre so schnell ich kann.

Florian Lipowitz drückte das ziemlich pragmatisch aus. Er bleibe eben so lange wie möglich an Pogacars Hinterrad. Und wenn es schwierig wird, dann atme er einfach tiefer…

Das beschreibt es hervorragend. Man kann sich nicht zwingen, etwas zu leisten, wozu der Körper gerade nicht in der Lage ist. Entscheidend ist, sich dafür nicht auch noch mental zu bestrafen. Wer anfängt, sich über die eigene Schwäche zu ärgern, verliert gleich doppelt.

Manche Athleten blockieren kurz vor dem Ziel trotzdem. Warum?

Weil es neben der Versagensangst auch eine Erfolgsangst gibt. Wer scheitert, bleibt oft in seiner gewohnten Welt. Aber was passiert, wenn du Olympiasieger wirst? Plötzlich verändert sich dein ganzes Leben. Genau vor diesem letzten Schritt haben manche Menschen unbewusst Angst.

Sie sind selbst Radfahrer. Was fasziniert Sie am Ausdauersport?

Ich habe so lange für diesen Moment trainiert, dass Leistungsschmerz keine Belastung, sondern Bestätigung wird.

Können Menschen etwas vom Sport lernen?

Wir verschwenden oft Energie für Dinge, die wir gar nicht kontrollieren können. Erfolgreiche Menschen überlegen sehr genau, wann sie ihre Kraft einsetzen. Wer im wichtigen Moment zu viel nachdenkt, bremst sich selbst aus. Besser ist es, sich gut vorzubereiten und dann darauf zu vertrauen. Das gilt für das ganze Leben.

INTERVIEW: PATRICK REICHELT

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